Erzähler
Besonders in Bezug auf den Erzähler ist Kleists Michael Kohlhaas spannend, was im Folgenden erklärt werden soll.
Erzähler als Chronist
- Definition Chronik: Ein geschichtliches Prosa-Werk, das Ereignisse in genauer zeitlicher Reihenfolge darstellt und mit historischem Material belegt. Der Chronist selbst urteilt nicht, sondern berichtet neutral und faktengetreu
- Der Erzähler in Kohlhaas tritt stellenweise als Chronist auf
- Die wahrhafte Handlung liegt laut Erzähler viele Jahrzehnte zurück
- Er beruft sich bereits im Untertitel auf eine alte Chronik
- Auf der letzten Seite spricht der Chronist davon, dass noch „im vergangenen Jahrhundert“ Nachkommen von Kohlhaas gelebt haben. Der Erzähler tritt als Zeitgenosse von Kleist auf
- Der Erzähler ist kein Teil der Handlung
- Er belegt die Begebenheiten mit historischen Quellen wie Briefen und Mandaten
- Die Handlung wird chronologisch erzählt
- Aber: Der Erzähler wertet mehrfach und verweist selbst auf mangelnde Kenntnis der Quellen wie durch einen unleserlichen Brief
Auktorialer Erzähler
- Generelle Merkmale: allwissend, außerhalb der fiktiven Welt, kein Teil der Erzählwelt, lenkt die Handlung, wertet und kommentiert
- Der Erzähler in Kleists Michael Kohlhaas ist als auktorialer Erzähler zu betrachten
- Er ist kein Teil der Handlung, die ja bereits viele Jahre zurückliegt
- Der Erzähler kennt von Anfang an den Verlauf und Ausgang von Kohlhaas‘ Geschichte; dies zeigt sich, wenn er zu Beginn erwähnt, dass Kohlhaas zum Räuber und Mörder wird
- Er stellt den Ort, die Zeit, Kohlhaas und dessen Lage allwissend vor
- Der Erzähler hat eine innere Distanz zu der Geschichte und blickt mit dem Leser von außen darauf
- Die Handlung wird linear berichtet, allerdings mit zwei Rückblenden zur Wahrsagerin
- Der Erzähler wertet Quellen bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit (z.B. widersprüchliche Chroniken zum Verbleib vom Kurfürsten von Sachsen), zeigt Sympathie für Kohlhaas und kommentiert die Geschehnisse
Züge personalen Erzählens
- Generelle Merkmale: Der Erzähler berichtet aus der Perspektive einer Person, erzählt aber nicht in Ich-Form, sondern in 3. Person. Der Erzähler spricht also von „er“ bzw. „sie“ und nutzt direkte Rede. Ein personaler Erzähler wertet und kommentiert nicht, denn er weiß nur so viel, wie die Figur bzw. Figuren aus deren Sicht er die Handlung darstellt
- Obwohl der Erzähler in Kohlhaas mehrfach kommentiert, berichtet er an vielen Stellen aus der personalen Perspektive von Michael Kohlhaas oder anderen Figuren im Sinne der Multiperspektive
- Er bringt dem Leser innere Vorgänge von Kohlhaas oder anderen Figuren näher, wenn er Angst, Panik oder Ohnmacht durch Aussagen wie „mit klopfendem Herzen“ beschreibt
- Der Erzähler nutzt direkte Rede, um die Handlung bzw. Äußerungen wiederzugeben
Unzuverlässiger Erzähler
- Eine spezielle Form des Erzählens in Prosa-Werken ist der unzuverlässige Erzähler. Dieser berichtet wie der Name schon sagt nicht zuverlässig, wie die erzählte Handlung abgelaufen ist, sondern seine Aussagen sind eher in Frage zu stellen
- Der Erzähler im Werk berichtet zwar aus einer Chronik und gibt den Anschein, verlässlich zu sein, allerdings kommen mehrfach Zweifel auf
- Die zitierten Quellen werden teilweise nur bruchstückhaft genannt, wodurch dem Leser Informationen vorenthalten werden
- Der Erzähler selbst deutet an, dass er nicht ernsthaft recherchiert hat, wenn er sich zum Beispiel auf einen unleserlichen Brief als Quelle beruft
- Indem er mit Kohlhaas sympathisiert, verliert der Erzähler seine Objektivität und Verlässlichkeit
Filmtechniken
- Ähnlich wie in einem Film arbeitet der Erzähler in Michael Kohlhaas mit verschiedenen Blickwinkeln auf die Handlung
- Durch das Anführen verschiedener Perspektiven der Erzählung entsteht ein Eindruck vom Wechsel der Kameraeinstellung
- Der Erzähler beginnt mal mit großer Einstellung auf die Gesamtsituation, geht über in die Halbtotale mit Blick auf die Person und „zoomt“ dann quasi ins Innenleben der Figur hinein, z.B. wenn der Erzähler beschreibt, wie Kohlhaas durch die große Menge aus dem Gefängnis geführt wird, dann auf das Gespräch von Kohlhaas und Kastellan fokussiert und später die inneren Regungen von Kohlhaas zum Brief der Zigeunerin wiedergibt (Abs. 13)
- Außerdem arbeitet der Erzähler mit vielen Verben; dieser Aktionsstil gleicht dem Film, der ja von aktiven Handlungen lebt