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Drachenwand

„Wir leben alle unter der Drachenwand – die Drachenwand, das ist das Ungewisse, das Bedrohliche, die Zwangssituation. Wir sind alle viel mehr von äußeren Zwängen bestimmt, als uns das recht sein kann.“ Mit diesem Zitat weist Arno Geiger auf das mannigfaltige interpretatorische Potenzial seines Romantitels hin. Wir werden uns im Zuge des ersten Interpretationspunkts im Rahmen dieser Lektürehilfe mit der Drachenwand in Mondsee in Oberösterreich beschäftigen.

Die Drachenwand als realer Ort

  • Bei der Drachenwand handelt es sich um eine in Oberösterreich situierte und existierende Steilwand, von deren Gipfel aus man eine weite und hervorragende Aussicht über den Mondsee sowie die umliegende Seenlandschaft genießen kann
  • Die Felswand ragt in einer Höhe von über 1176 Metern, was sie zu einem beliebten Wanderziel für Touristen und Einheimische macht. Die Drachenwand besteht aus Kalkstein, für welchen das Salzkammergut-Bergen ebenso bekannt ist

Die Drachenwand im Roman

  • In Arno Geigers Werk kommt die Drachenwand das erste Mal zur Sprache, als die vermisste Nanni Schaller dort tot aufgefunden wird, nachdem sie zuvor monatelang vermisst worden war (S. 317)
  • Der genaue Fundort der Leiche der Schülerin Nanni befindet sich „in der sogenannten Hochstelle der Drachenwand“ (S. 318, Z. 5f), „ungefähr dreihundert Meter in der Wand“ (S. 318, Z. 7)
  • Veit stellt sich vor, dass Nanni Schaller nach einer Wanderung auf den Gipfel der Drachenwand „im [...] schlecht einschätzbaren Gestein des Grates“ (S. 321, Z. 6ff) das Gleichgewicht verliert und „dann nach einem Sturz von etwa zweihundertfünfzig Metern“ (S. 318, Z. 21f) auf der Erde aufprallt
  • Dadurch, dass die Drachenwand den Tatort für die Leiche der verschwundenen Nanni Schaller darstellt, haftet der Felswand eine bedrohliche Entität an. Demzufolge kann der gleichnamige Titel des vorliegenden Romans auch als Synonym für den Krieg verstanden werden. Am Beispiel des verunglückten Schulmädchens wird im Kleinen aufgezeigt, mit welcher unbarmherzigen Macht der Krieg Menschenleben auslöscht und in seinen bodenlosen Abgrund hinabzieht
  • Außerdem löst der schroff und steil aufragende Steilhang der Drachenwand ein bedrohliches Gefühl beim Betrachter aus, welches zwar auf die Ehrfurcht vor dem Naturphänomen, jedoch ebenso auf eine Empfindung von Furcht zurückzuführen ist
  • Dass Veit Kolbe einen seiner stärksten Angstanfälle in unmittelbarer Nähe der Drachenwand erleidet, ist ebenfalls kein Zufall. In Verbindung mit seinen traumatischen Erlebnissen an der Front flößt die dunkle und schauerliche Präsens der Felswand dem Protagonisten eine solche Furcht ein, dass ihn eine Panikattacke überkommt
  • Der Romantitel: Lohnenswert ist außerdem auch die Tatsache zu betrachten, dass sich es sich bei der Literaturgattung Roman immer um ein fiktives Schriftstück handelt, doch die Drachenwand im vorliegenden Buchtitel einen realen Ort in Oberösterreich darstellt

Die Drachenwand als gesellschaftliches Phänomen

  • Zum einen ein Stellvertreter des gnadenlosen Kriegs, zum anderen repräsentativ für Zwänge und Erwartungen einer Gesellschaft an jeden Einzelnen, bildet die Drachenwand als Interpretationspunkt ein breit gefächertes Potenzial zur Analyse der Lektüre
  • Verbirgt sich hinter dem Romantitel der allgegenwärtige Zugzwang, unter dem die Spezies Mensch Tag für Tag Entscheidungen trifft, die weniger aus intrinsischer als vielmehr aus extrinsischer Motivation heraus gefällt werden? Während die Drachenwand diverse Gesichter annehmen kann, seien es Krieg, Routine oder Gesellschaftsnormen, so verändert sich ihr Charakter hingegen nicht
  • Die Drachenwand bedroht insbesondere die innere Freiheit des Menschen und beeinträchtigt aufgrund dessen die Mündigkeit in seinem Leben. Die eigene Biografie entsprechend der eigenen Vorstellungen formen zu können, wird von der steil aufragenden Drachenwand der Furcht und Angst überschattet
  • Unter der Drachenwand leben wir auch heute noch: Wir sind uns den herrschenden Missständen auf der Welt bewusst, wissen um die soziale Ungerechtigkeit und um die Endlichkeit unseres fragilen Planeten - und dennoch machen wir weiter wie bisher. Es ist die gesellschaftliche Norm, man könnte sie auch Drachenwand nennen, der wir uns alle mehr oder weniger unterordnen und die wir als Ausrede dafür nutzen, nichts zu ändern

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