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Othellos Identifikationspotenzial

Während seines Aufenthalts in London entschließt sich Gottfried Klausen eines Abends dazu, das Theaterstück Othello, the Moor of Venice im Shakespeare Theater in London anzusehen. Der Theaterbesuch übt einen starken und bleibenden Eindruck auf den Protagonisten der Novelle aus, dessen Auswirkung wir im Folgenden erläutern werden.

Das Theaterstück Othello

  • Shakespeare führt das Drama erstmals um 1600 in London auf, wobei damals noch keine verschriftlichte Fassung existiert. Erst 1622 dann wird die Textfassung publiziert
  • Schauplätze des Theaterstücks sind Venedig und die Insel Zypern und die Zeit, in welcher sich die Handlung abspielt, kann ins 16. Jahrhundert eingeordnet werden
  • Das Spiel handelt vom venezianischen Feldherren Othello, welcher aufgrund tückischer Intrigen seines Feindes Jago von der Untreue seiner Frau Desdemona ausgeht
  • Desdemona beteuert ihrem Mann ihre Unschuld, dieser jedoch ist blind vor Wut und vermag keinen klaren Gedanken mehr zu fassen. In rasender Eifersucht ermordet er seine geliebte Gattin
  • Als daraufhin Jago den Protagonisten darüber aufklärt, dass es sich bei dem angeblichen Betrug seiner Frau lediglich um einen weiteren, von ihm initiierten Hinterhalt handelt, kann Othello nicht mit der Schuld am Tod seiner Ehefrau leben und nimmt sich selbst das Leben

Othello in Das Haus in der Dorotheenstraße

  • Erstmals wird Othello in der Novelle erwähnt, als Gottfried eines Abends, „auf eine Empfehlung hin die berühmte Royal Shakespeare Company“ (S. 77, Z. 17ff) besucht und sich die „Tragedy of Othello, the Moor of Venice“ (S. 77, Z. 24f) ansieht
  • Zunächst ist Klausen vollkommen verwundert „wie ihm dort eine Welt vor Augen geführt wurde, die nicht irgendwelchen Fakten oder deren Nachweisbarkeit, sondern ausschließlich der Willkür, der Unzuverlässigkeit [...] geschuldet war.“ (S. 77, Z. 19ff)
  • Das Verhalten Othellos hinterlässt einen „unglaubwürdigen“ (S. 77, Z. 26) Eindruck bei Gottfried und er zweifelt an, dass Othello seine Desdemona tatsächlich „bedingungslos [...] lieben“ (S. 78, Z. 2f) würde, da dieser „sich trotzdem weigerte, die Untreue, die man ihr angedichtet hatte, auf vernünftige Weise zu hinterfragen.“ (S. 78, Z. 3ff)
  • Zwar ist der Protagonist Klausen, „was die Leistung der Schauspieler betraf, beeindruckt“ (S. 78, Z. 8f), jedoch ruft die extrem eifersüchtige Reaktion Othellos in ihm auch Unverständnis hervor
  • Das Theaterstück löst in Gottfried das Bedürfnis danach aus, mit seiner Frau Xenia zu sprechen. Allerdings erreicht er sie weder auf dem Handy, noch auf dem Festnetzanschluss und fällt daraufhin in einen unruhigen Schlaf (S. 79). Auch wenn es Klausen zu dem Zeitpunkt noch nicht wahrhaben möchte: Othellos Schicksal konfrontiert ihn unweigerlich mit seinen eigenen Eheproblemen. Dies möchte er zunächst verleugnen, doch spätestens nach dem Theaterbesuch am Ende des zweiten Kapitels fängt die Kommunikation zwischen dem Ehepaar Klausen an, zu scheitern
  • Als der Protagonist der Novelle das Theaterstück ein zweites Mal ansieht, vermutet er bereits, dass ihn Xenia betrügt. Aufgrund des kurzen Gesprächs mit der Männerstimme an Xenias Handy (S. 86) besitzt er Gewissheit darüber, dass sich möglicherweise ein fremder Mann bei seiner Ehefrau aufhält
  • „Spätestens gegen Ende des vierten Akts“ (S. 88, Z. 21f) verlässt Gottfried jedoch den Saal, da er es als „geschmacklos“ (S. 88, Z. 23) empfindet, „der Ermordung einer Wehrlosen [zu] zusehen und vielleicht am Ende auch noch Beifall klatschen“ (S. 88, Z. 16ff) zu müssen. Er verlässt das Theater, um „in einen Pub zu gehen“ (S. 89, Z. 2), was darauf hindeutet, dass er Alkohol konsumieren wird. Das Trinken wiederum hilft ihm dabei, seine eigene missliche Lage getrübter wahrnehmen und verdrängen zu können
  • Die Zeile „Put out the light.“ (S. 90, Z. 1) aus Othello verfolgt den betrogenen Ehemann die kommenden Tage. Die Aussage hinter diesem Satz wirkt unheimlich, da sie auf unterschiedliche Weise gedeutet werden könnte. Der ehemals „präzise“ (S. 74, Z. 25) Korrespondent wird „fahrig“ (S. 90, Z. 3) und fängt an, sich entgegen seiner Natur zu verhalten. Letztendlich bricht er den Aufenthalt in London ab und es ist ihm „völlig gleichgültig“ (S. 92, Z. 3), wohin er stattdessen versetzt wird
  • Gegen Ende der Novelle wird noch einmal eine Perspektive vom Haus in der Dorotheenstraße vorgenommen. Der Erzähler zoomt vom Flughafen Berlins, über die Fahrt „nach Kohlhasenbrück“ (S. 92, Z. 15) mit dem „Linienbus mit der Nummer 118“ (S. 92, Z. 16) hin zur Villa, die „wie immer hell erleuchtet war“ (S. 93, Z. 3). Auch wenn Hartmut Lange den Ausgang der Novelle offen lässt, so ist es dennoch möglich, die letzten, dargestellten Momente zu interpretieren
  • Die Worte „Put out the light!“ (S. 93, Z. 15) rahmen das sechste Kapitel der Erzählung ein, indem sie einmal zu Beginn und am Abende des Kapitels vorkommen. Übersetzen wir den englischen Satz, so ist hiermit gemeint, „das Licht auszuschalten“ und analysieren wir ihn darüber hinaus noch auf Interpretationsebene, kann mit dem Ausschalten des Lichtes auch „das Beenden einer Sache“ gemeint sein
  • Auch wenn wir es am Ende nicht eindeutig erfahren, so ist klar erkennbar, dass sich Klausen im finalen Drittel der Erzählung immer mehr von dem neutralen, reflektierten Ehemann entfernt, der er einmal war und emotional instabile Züge annimmt, die dem Charakter Othellos stark ähneln
  • Fährt Gottfried tatsächlich nach Hause zurück, um sich an seiner Frau zu rächen? Dass das Haus bei seiner Ankunft in der Dorotheenstraße „hell erleuchtet“ (S. 93, Z. 3) und nach seinem Eintreten „in völliger Dunkelheit“ (S. 93, Z. 18) daliegt, spricht dafür, dass Klausen bei seinem letzten Besuch im Haus in der Dorotheenstraße etwas „zu Ende gebracht“ hat

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