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2. Vigilie

Als die drei Schlangen verschwunden waren, umarmte Anselmus verzweifelt den Stamm des Holunderbaumes, seufzte und flehte in Richtung der Blätter, dass die Schlangen sich noch einmal zeigen sollen. Passanten beobachteten dieses seltsame Zwiegespräche und taten ihn als verrückt und betrunken ab. Bei diesen Worten erwachte der Student plötzlich aus seinem Wahn und hielt alles, was er zuvor gesehen hatte, für irrsinnige Einbildung.
Auf seiner Flucht traf Anselmus schließlich seinen alten Freund, Konrektor Paulmann. Dieser lud ihn ein gemeinsam mit ihm, seinen beiden Töchtern und dem Registrator Heerbrand eine Gondelfahrt auf der Elbe zu unternehmen. In der Hoffnung, dass er in Gesellschaft das böse Verhängnis vergessen könne, welches ihm passiert ist, nahm Anselmus die Einladung an.
Als sie über die Elbe schipperten, wurde am gegenüberliegenden Ufer ein Feuerwerk abgebrannt, dessen Raketen sich funkelnd im Wasser spiegelten. Anselmus, der bisher in sich gekehrt in der Gondel saß, meinte plötzlich die drei Schlangen im Wasser zu sehen. Die Sehnsucht und das Verlangen erwachte wieder in seinem Inneren. Er rief laut aus: „Ach, seid ihr es denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur, singt! In eurem Gesange erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen - ach, seid ihr denn unter den Fluten!“ (S. 14, Z. 31-35) Mit diesen Worten wollte er sich sogar ins Wasser stürzen, wovon der Schiffer ihn gerade noch so abhalten konnte. Im Boot herrschte Aufregung, Heerbrand und Paulmann sorgten sich wegen Anselmus‘ Anfall. Er selbst wurde währendessen von einem inneren Zwiespalt gequält. Einerseits erkannte er das Leuchten im Wasser als die Spiegelungen des Feuerwerks, andererseits hörte er weiterhin die Stimmen der Schlangen. Als Paulmann ihn deshalb für einen Narren abtat, verteidigte dessen Tochter Veronika Anselmus liebevoll, er habe vielleicht einfach geträumt. Und zum ersten Mal bemerkte der Student die schönen dunkelblauen Augen des Mädchens.
Ganz verzückt von Veronika vergaß Anselmus seinen Wahn, fühlte sich heiter. Beim gemeinsamen Musizieren bemühte er sich um die junge Dame, obgleich er wieder kurz an die kristallklaren Stimmen der Schlangen denken musste. Kurz darauf bot Registrator Heerbrand ihm eine Anstellung bei Archivar Lindhorst an, welche Anselmus voller Freude annahm.
Schon am nächsten Tag sollte Anselmus bei dem Archivar mit dem Kopieren von wertvollen Schriften beginnen. Anselmus richtete sich, ohne auch nur einmal Pech zu haben. So trank er freudig zwei Magenlikör und machte sich dann auf den Weg zu Lindhorst. Doch als er pünktlich um zwölf Uhr klopfen wollte, verwandelte sich der Türklopfer plötzlich in das schreckliche Gesicht der alten Marktfrau und verhöhnte ihn: „Du Narre - Narre - Narre - warte, warte! warum warst hinausgerannt! Narre!“ (S. 20, Z. 30-32) Als er taumelnd nach der Klingelschnur griff, tönte diese „Bald dein Fall ins Kristall!“ (S. 21, Z. 1) und verwandelte sich in eine weiße Riesenschlange, die sich um ihn wandt, bis ihm die Gedanken vergingen.
Als Anselmus wieder zu sich kam, lag er in einem Bett bei seinem Freund Paulmann, der ihn fragend ansah: „Was treiben Sie denn um des Himmels willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!“ (S. 21, Z. 18-19).

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