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Motive

Kafka ist für sein Spiel mit immer wieder auftauchenden Motiven bekannt - diese Motive wiederholen sich nicht nur innerhalb eines bestimmten Texts, sondern ziehen sich durch sein gesamtes Werk! Die Motive, die in der Verwandlung auftauchend, gehören zu denjenigen, die Kafka auch in seinen anderen Texten sehr häufig und an Schlüsselstellen verwendet: Das Kanapee (bei Kafka immer eine Bettcouch), der Blick aus dem Fenster, die Türen und die Wahrnehmung des Körpers. Vor allem die ersten drei Motive sind in Kafkas Texten sehr auffällig und können zu einer Gruppe gerechnet werden, da sie auf Zwischenzustände und Veränderungen (Verwandlungen!) hinweisen: Das Fenster verbindet Innen und Außen, ebenso wie die Tür, die bei Kafka zudem auch ein Ort der Kommunikation ist und die Welt der Menschen teilt. Das Kanapee ist der Ort des Schlafs und damit des Unterbewusstseins, er verbindet also das Seelische / die Welt des Traums mit dem Alltäglichen / dem Zustand des Wachseins. Es sind die Momente des Wechsels, die Zeit zwischen zwei Zuständen, denen Kafka besondere Aufmerksamkeit schenkt. Diese Zustände sind mit Hoffnungen und Ängsten bzw. Gefahren verbunden.
Das Fenster steht in Kafkas Texten zumeist für Befreiung und Ablenkung. Durch den Blick aus dem Fenster heraus versuchen seine Protagonisten, ihre schwere Situation zu bewältigen, aus der sie sich herauswünschen: Der Blick verdeutlicht die Sehnsucht Gregors, aus der Gefangenschaft in der Wohnung auszubrechen, denn die Konflikte in der Erzählung spielen sich sämtlich innerhalb der Wohnung ab (selbst die Arbeit betritt, verkörpert durch den Prokuristen, in die Wohnung hinein). Ort und seelischer Zustand hängen also zusammen. Gregor ist eingesperrt im Zimmer und den familiären Verhältnissen zugleich. Das, was außerhalb des Fensters liegt, gehört nicht in den familiären Zusammenhang und erschien ihm in der Vergangenheit daher befreiend, denn es zeigte ihm, dass es auch ein Leben ohne familiäre Einschränkungen geben kann. Ironischerweise steht dem Fenster gegenüber aber ein Krankenhaus - kein Trost spendender Ausblick für Gregor.
Auffällig ist, dass das Fenstermotiv bereits auf der ersten Seite der Erzählung eingeführt wird. Kurz nach der Erkenntnis, in einen Käfer verwandelt zu sein, blickt Gregor aus dem Fenster. Diese Art der Verdrängung funktioniert jedoch nicht, denn er erblickt lediglich das „trübe Wetter“ (S. 7), die Welt draußen ist also nicht sehr viel frohsinniger als die Situation in der Wohnung. Da der Fensterblick nichts bewirkt, richtet sich Gregors Hoffnung auf das Bett bzw. den Schlaf: „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße“ (ebd.). Dadurch zeigt sich, dass Bett und Fenster jeweils der Verdrängung von Konflikten und dem Sammeln von Kräften dienen. Kurze Zeit später versucht Gregor, durch den Blick aus dem Fenster innere Ruhe zu finden, um zu überlegen, wie er mit seiner Verwandlung umgehen soll. Doch auch hier scheitert der Versuch durch das triste Wetter (S. 12-13). Ein drittes und letztes Mal wird der Blick aus dem Fenster im zweiten Teil erwähnt. Hier wird uns vermittelt, dass Gregor keine wirkliche Befreiung durch den Fensterblick erreicht, sondern nur eine Erinnerung daran. Seine Sehkraft schwindet zunehmend, seine Wahrnehmung wird also immer mehr auf die Wohnung und sein bedrückendes Leben darin beschränkt (S. 37-38). Es ist also festzuhalten, dass der Blick aus dem Fenster in der Erzählung niemals das erreicht, was Gregor von ihm erhofft - Gregor verliert generell die Hoffnung auf Besserung.
Das bereits angesprochene Bett- oder Kanapeemotiv taucht oft auf und wird ebenfalls auf der ersten Seite eingeführt. Dass er verwandelt ist, stellt Gregor nach dem Schlaf auf dem Kanapee fest. Im ersten Teil erweist es sich als Schwierigkeit, das Kanapee zu verlassen, als Gregor es schließlich schafft, tut er sich weh. Das Kanapee wird hier auch als mehrdeutiges Symbol deutlich. Einerseits ist es Ort der Wünsche und Verdrängung (Gregor möchte einfach weiterschlafen, statt sich seiner Verwandlung zu stellen), andererseits Ort der unruhigen Träume, aus denen er erwacht, und der Sorgen. Gregor denkt über sein Leben nach, als er auf dem Kanapee liegt, findet wegen seiner Sorgen keine Ruhe und wälzt sich hin und her. Im Bett brechen das Unterbewusstsein und die verdrängten psychischen Konflikte hervor.
Dass mit dem Kanapee mehrere Gefühle verbunden sind, zeigt sich auch im zweiten Teil. Einerseits vermittelt der Platz zwischen dem Kanapee und dem Boden Gregor Sicherheit und Geborgenheit (S. 30), andererseits leidet er nach dem Essen und der Zuwendung seiner Schwester unter dem Kanapee an Erstickungsanfällen (S. 32). Das Kanapee ist ein Versteck vor der Welt und ein Ort, der Gregor ganz allein gehört. Aber die Zuwendung seiner Schwester lässt Gregors Körper anschwellen, das bisschen Nähe lässt Gregor sein bedrängtes Dasein unter dem Kanapee als einengend empfinden.
Am Ende des zweiten Teils wird das Kanapee wieder der Platz der Unruhe, Gregor kann nicht einschlafen, nachdem er den Sorgen seiner Familie gelauscht hat (S. 37). Im dritten Teil schließlich ist das Kanapee ein eher unwichtiges Motiv und nur ein einziges Mal mit positiven Gefühlen verbunden. Gregor schläft kaum mehr, auch das Kanapee lässt Gregor seine Situation nicht mehr vergessen, er ist unglücklich und leidet. Beim Konzert seiner Schwester träumt er jedoch davon, dass sie sich auf sein Kanapee setzt, wo er ihren Hals küssen möchte (S. 61). Hier wird das Kanapee als Ort der Sexualität deutlich. Als dieses kann es auch gesehen werden, als die Mutter bei Gregors Anblick auf das Kanapee fällt.
Die Türen sind hauptsächlich Mittel der Kommunikation, aber auch Symbole für das Scheitern derselben und der Ausgrenzung. Als die Familienmitglieder noch nichts von Gregors Verwandlung wissen, zeigt sich am Symbol der Türen, in welch beengten Verhältnissen Gregor lebt. Drei Türen führen in sein Zimmer und an jeder versucht ein Familienmitglied, Gregor zum Verlassen des Zimmers zu bewegen oder herauszufinden, was mit ihm los ist. Die Familie will also Gregors Abgrenzung überwinden und dringt durch die Stimme in seine Privatsphäre vor. Die Türen trennen Gregors Raum und seine Identität von der Familie. Es wird auch deutlich, dass Gregor im Mittelpunkt der Familie steht und sie zusammenhält: Später im ersten Teil verständigen sie sich „durch Gregors Zimmer“ (S. 19), nutzen dieses also als Mittel der Kommunikation. Türen trennen zwar, aber schließen nicht vollkommen ab. Sie verhindern Offenheit und Nähe, wenn sie abgeschlossen sind, doch man kann sich über sie hinweg unterhalten. Durch sie vermischen sich die private und die familiäre Welt Gregors, sie sind Möglichkeiten des Übergangs von der Isolation zum Leben mit und nicht nur in der Familie. Gleichwohl zeigt sich an ihnen, wieso das Zusammenleben mit Gregor scheitert: „Früh, als die Türen versperrt waren, hatten alle zu ihm hereinkommen wollen, jetzt [...] kam keiner mehr, und die Schlüssel steckten nun auch von außen.“ (S. 29) Die Familie möchte sich von Gregor nun absperren, sie kommuniziert kaum mehr mit ihm. Die Türen sind ein Symbol für die familiären Verhältnisse. Kommunikation, Nähe, Aufgeschlossenheit werden verwehrt. Gregor muss an den Türen lauschen, um vom Leben seiner Familie zu erfahren; die Türen sind in dieser Zeit auch Symbol und Ursache der Gefangenschaft Gregors.
Im dritten Teil gibt es eine kurze Phase der Öffnung: die Familie lässt die Tür zum Wohnzimmer abends offen, sodass Gregors Welt und die seiner Familie zusammenfallen, auch wenn Gregor verborgen in seinem Zimmer bleibt. Wenn die Familie erschöpft und von Trauer überwältigt ist, wird die Tür aber geschlossen, was die Wunde in Gregors Rücken wieder schmerzen lässt (S. 53). Damit betont die Familie, dass Gregor kein Teil von ihr ist.
Drei mal entkommt Gregor seinem Zimmer und drei mal erlebt er dabei eine Enttäuschung oder Verletzung. Beim ersten Mal treibt ihn der Vater mit einem Stock zurück, beim zweiten Mal wird er vom selben schwer verwundet und beim dritten Mal äußern Vater und Schwester, dass man Gregor loswerden muss. Immer, wenn Gregor sich öffnet und den nahen Kontakt sucht, wird er zurückgewiesen. Der Gang durch die Tür, der Versuch der Kommunikation scheitert stets.
Der Körper ist in der Verwandlung fast immer ein Symbol für die Minderwertigkeitsgefühle Gregors. Nur an wenigen Stellen lernt er seinen Körper schätzen (seine Fühler etwa oder die Fähigkeit, die Wände entlangzukriechen). Im ersten Teil ist es für Gregor schwierig, das Bett zu verlassen, da er ungelenk ist. Auch im weiteren Verlauf der Erzählung wird der Körper zumeist problematisiert. Im dritten Teil wird das besonders auffällig, da Gregor „durch seine Wunde an Beweglichkeit wahrscheinlich für immer verloren“ hat und sich nun „wie ein alter Invalide“, also wie ein Kranker bewegt (S. 50). Nach seinem Tod bemerkt auch die Familie seinen ausgehungerten, ausgetrockneten Körper. Dieser Schwäche und diesem Zerfall werden die Körper des Vaters und der Untermieter entgegengestellt. Gregor ist erstaunt und unterbewusst verängstigt angesichts der kräftigen Statur seines Vaters und der „Riesengröße seiner Stiefelsohlen“ (S. 48). Die Kaugeräusche der Untermieter erfüllen Gregor mit Neid, denn er hat keine Zähne mehr (S. 58). Gregor fühlt sich körperlich unterlegen, der Körper wird zum Symbol für menschliche Kraft, Schönheit und Nützlichkeit.

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