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Demokratie und Staat

Einer der wichtigsten Interpretationsansätze im Roman von Hein bildet der Themenkomplex Demokratie und Staat. Im Folgenden soll zunächst kurz die allgemeine Rolle eines deutschen Rechtsstaats für die Gesellschaft näher beleuchtet und in einem darauffolgenden Schritt in kritischer Weise auf den dargestellten Rechtsstaat im Roman angewendet werden.

Demokratie und der deutsche Rechtsstaat im Allgemeinen

  • In einem Rechtsstaat gelten Gesetze, die das gemeinsame Zusammenleben in der Gesellschaft regulieren und von Bürgern als auch vom Staat gleichermaßen eingehalten werden müssen.
  • Ebenfalls wird der einzelne Bürger auf diese Weise geschützt.
  • Es muss klar und transparent formuliert werden, welche rechtlichen Auswirkungen das Handeln des einzelnen Bürgers hat.
  • Der Staat darf nicht willkürlich handeln; der einzelne Bürger muss vor der staatlichen Willkür geschützt werden
  • Weiterhin ist dafür zu sorgen, dass alle gesellschaftlichen Schichten einen Zugang zu Recht erhalten können. (Rechtsgleichheit)
  • Demokratie (vom Volk ausgehende Macht) braucht einen funktionierenden Rechtsstaat.

Demokratie und Staat im Roman

  • Der Rechtsstaat ist im Roman deutlich negativ behaftet.
  • Der Versuch, neue und andersartige Sichtweisen entstehen zu lassen, ist im Roman durchweg mit der Isolation und in Abgrenzung von Normen und der eigenen Familie bzw. der Gesellschaft allgemein gekoppelt.
  • Die Veränderung der fest verankerten Normen des Rechtsstaates ist als Einzelner unmöglich; der Einzelne kommt nicht gegen den Staat an und kann Veränderungen herbeiführen
  • thematisiert wird die staatliche Intransparenz der Gutachten und ein fehlendes Vertrauen in die Staatsmacht
  • Es kommt zu widersprüchlichen Aussagen, Gutachten und Nachrichtenausstrahlungen. (S. 108)
  • Der Staat wird mit der Vertuschung bzw. Verschleierung von Wahrheit in Verbindung gebracht. \(\rightarrow\) „Staatsverschwörung“ (S. 183)
  • Insgesamt passen Gerechtigkeit und Staat im Roman nicht zusammen.
  • mögliche Manipulation des Menschen, ausgehend vom Rechtsstaat; die Wunschvorstellung des Staates existiert lediglich in den Köpfen der Bürger
  • Der Staat selbst wird im Roman seiner Aufgabe des Rechtsstaates nicht gerecht; wahrt seine eigenen Gesetze nicht und spricht kein Recht bzw. handelt nicht gerecht (S. 187)
  • Die Justiz steht im Roman zwar unabhängig als alleinige Gewalt dar, jedoch wird deutlich, dass Anwalt Feuchtenberger ebenfalls nicht mit den staatlichen Entscheidungen konform ist.
  • Die Kritik am Rechtsstaat sorgt für Hinterfragen, Anregung der Kritik und einen Perspektivenwechsel beim aufmerksam lesenden Rezipienten.
  • Solange man als konformer Bürger dem Staat konsequent sein Vertrauen schenkt, kann man sich auf den Schutz verlassen; werden jedoch situativ eigene Entscheidungen eingeschränkt und man möchte dies verhindern, steht man entweder nicht mehr im schützenden Schatten des Staates oder man nimmt seine eigene Freiheit stark zurück, riskiert dadurch aber wertvolle Individualität \(\rightarrow\) „(...) das Höhere eines Staates, schreckt auch in einer Demokratie nicht davor zurück, den Einzelnen für seine Zwecke zu opfern“ (S. 183)
  • Das Misstrauen und die empfundene Unzufriedenheit und Ungleichheit bei Zurek steht exemplarisch für das Unbehagen vieler anderer Bürger einer gesamten Generation.
  • Die Diskussion über die Staatsauffassungen zwischen Christin und Richard können analog zu den Meinungsdifferenzen der Gesellschaft stehen. (S. 78) \(\rightarrow\) Der Disput wirft die Frage auf, inwiefern sich die Werte Disziplin/Konformität und Freiheit/Selbstbestimmung, die per se in Gegensätzen angelegt sind, trotzdem miteinander vereinbaren lassen.
  • Das Resultat der Unzufriedenheit ist ein starker Drang nach Individualität, Selbstbeliebigkeit und Freiheit, der in Form von Radikalität (RAF) schnell extreme Formen annehmen kann.

Das Michael-Kohlhaas-Syndrom

  • Richard Zurek wird im Roman als Querulant bezeichnet.
  • Bei genauem Lesen lassen sich an weiteren Stellen im Buch typische, wenn auch nicht direkt eindeutige Symptome des Kohlhaas-Syndroms erkennen.
  • Richard geht fest von der Unschuld seines Sohnes aus; er vermutet, dass sein Sohn von den Polizisten ermordet wurde
  • Er kann sich vorstellen, gemeinsam mit seinem Freund Lutz mit Gewalt gegen den Staat anzugehen.
  • Richard Zurek spricht in vulgärer und boshafter Weise über den Staat und seine Tätigkeiten.
  • Es bleibt zuletzt nur Spekulation, ob die Beantwortung seiner Fragen und das Gefühl, recht zu haben, ihn wirklich bei seiner Trauerbewältigung unterstützen würde, da die Situation offensichtlich sehr aussichtslos ist. \(\rightarrow\) Der Tod seines Sohn ist nicht mehr rückgängig zu machen und selbst ein gewonnener Kampf um die Gerechtigkeitso rgt nicht dafür, dass sein Sohn wieder lebendig ist.
  • Richards resignierender Erkenntnisprozess, dass genau dieser ermüdende Kampf um Gerechtigkeit und das Ankommen gegen den Staat vollkommen zwecklos sind, ist jedoch wiederum untypisch für das Kohlhaas-Syndrom.

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