Das Ende
Das Ende des Gesellschaftsromans von Fontane birgt weitaus mehr Analysepotenzial, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Vergleich von Exposition und Ende im Roman Effi Briest
- Bereits in der Exposition lassen sich durch die detaillierte Beschreibung des Briestschen Anwesens in Hohen-Cremmen erste Anzeichen für den weiteren Handlungsverlauf finden. Welche Bedeutung die Heimat für die Hauptfigur Effi Briest besitzt, wird in der ausführlichen Darlegung des heimatlichen Guts deutlich
- Die Stimmung in den einleitenden Worten Fontanes ist friedlich, es herrscht mittägliche Stille (vgl. Kap. 1, Z. 4). Die junge Protagonistin befindet sich mit ihrer Mutter Luise Briest im schattigen Garten und die beiden Damen werfen ein harmonisches Bild des Beisammenseins auf die malerische Szenerie
- Die erste Seite der Erzählung bietet schon eine Vielzahl elementarer Motive, die auch im späteren Geschehen noch eine tragende Rolle spielen werden. Die „Sonnenuhr“ (Kap. 1, Z. 7) etwa soll stellvertretend dafür stehen, dass Effi bisher ausschließlich die angenehmen und schönen Seiten des Lebens kennt, sozusagen zu Beginn der Handlung auf „der Sonnenseite des Lebens“ steht
- Auch die „Kirchhofsmauer“ (Kap. 1, Z. 14), die von „kleinblättrigem Efeu“ (Kap. 1, Z. 10) überwuchert ist, bildet Aufschluss über die gegenwärtige und auch zukünftige Lebenssituation Effis. Das Efeu wird wenig später von Herrn Briest nach Effis Verlobung mit Instetten von ihm mit seiner Tochter in Verbindung gebracht (S. 19). Die Mauer wiederum steht sinnbildlich für die gesellschaftlichen Konventionen, aus denen die Hauptfigur immer wieder ausbrechen möchte, Letzteres jedoch nicht schafft
- Dass der „Wetterhahn“ (Kap. 1, Z. 13) „blitzend“ (Kap. 1, Z. 13) und „vergoldet“ (Kap. 1, Z. 13) ist, stellt ein weiteres Indiz für den Wohlstand dar, in dem die Familie Briest lebt
- Auch die Anordnung des Landsitzes spricht für sich, denn nicht grundlos ordnet der Autor die verschiedenen Objekte auf dem Grundstück wie ein „umschließendes Hufeisen“ (Kap. 1, Z. 15) an. Die nahezu in sich geschlossene Form deutet auf die Isolation und Einsamkeit der Protagonistin hin und der aussichtslosen Lage, in welcher sie sich ab ihrer Heirat befindet. Ein besonderes Augenmerk sollte auch auf die einzige Öffnung des Grundstücks gelegt werden, denn diese Lichtung führt direkt „zum Teich mit Wassersteg [...] und dicht daneben eine Schaukel“ (Kap. 1, Z. 16 f.). Das Gewässer stellt die Versuchung und die Risikobereitschaft der Hauptfigur und die Schaukel ihr freiheitsliebendes kindliches Wesen dar. Man könnte also die offene Stelle im Hufeisen sozusagen als „undichte Stelle“ in Effis behütetem und isolierten Leben interpretieren. Sowohl das Thema Risiko als auch das Thema Freiheit tauchen in ihrer Biografie in Form des Ehebruchs später wieder auf
- Am Ende schließt sich der Kreis, da sich der Schluss des Romans gleichermaßen in Hohen-Cremmen abspielt. Effi, vom Leben und ihren Handlungen gezeichnet, verstirbt friedlich im Kreis ihrer Familie. Besonders die ruhige Atmosphäre ähnelt stark der in der Exposition herrschenden Stimmung
Analyse des Endes
- Mit dem Ende betont Fontane noch einmal nachdrücklich die gesichtslose Problematik der Gesellschaft in Form eines Drucks, der auf jedem Einzelnen lastet. Instetten nennt es „ein Etwas [welches sich] ausgebildet [hat] und das nun mal da ist“ (Kap. 27, Z. 179). Auch beschreibt der Baron, diese menschliche Eigenschaft habe die Angewohnheit „alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst“ (Kap. 27, Z. 180). Es ist der kritische Blick auf gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten, die nur deshalb sakrosankt sind, da der einzelne Mensch sich ihnen gegenüber beugt, aus Angst vor einer Verurteilung des Kollektivs
- Mit der aufgeworfenen Frage der Mutter „ob wir nicht doch vielleicht schuld [an Effis Schicksal] sind“ (Kap. 36, Z. 186) wird noch ein letzter kläglicher Versuch unternommen, den Geschehnissen der Handlung genauer auf den Grund zu gehen. Doch die Antwort Vaters Briests, nämlich „das ist ein zu weites Feld“ (Kap. 36, Z. 195 f.) spricht Bände. Sie steht stellvertretend für die Herangehensweise der Menschen im Realismus an Unausgesprochenes, Tabuthemen und sonstige unangenehme und doch so evidente Umstände
- Der Autor schildert das Ende deshalb besonders nachdrücklich, da er bewusst auf eine Moralpredigt verzichtet. Vielmehr arbeitet er hier mit dem elliptischen Mittel des Ausbleibens eines Schlusswortes, welches den Effekt beim Leser um ein Vielfaches eindrucksvoller hinterlässt, als wenn er die Lektüre mit einem Resümee geendet hätte
- Das Weglassen einer offensichtlich notwendigen Antwort auf die zahlreichen, im Text aufgeworfenen Fragen, regt den Leser zum Nachdenken an und zwingt ihn dazu, nach ausgiebigem Konsumieren der Lektüre auch in die Eigenproduktion zu treten