Lerninhalte in Deutsch
Abi-Aufgaben LF
Lektürehilfen
Lektüren
Basiswissen
Inhaltsverzeichnis

Struktur

Auf einen Blick
  • Die Verwandlung ist in drei Teile von gleicher Länge eingeteilt; die Handlung des 1. Teils umfasst nur einen Tag, die des 2. und 3. Teils mehrere Monate
  • Im 2. und 3. Teil sind die Zeitangaben oft ungenau, das entspricht dem eintönigen, isolierten Leben Gregors
  • Ein unvermittelter Anfang (die Ursache der Verwandlung wird nie eindeutig geklärt) und ein offenes Ende rahmen die Erzählung ein, die sich zwischen Spätherbst und Ende März abspielt
  • Die Raumstruktur ist wichtig für die Interpretation: Zu Gregors Zimmer öffnen drei Türen (wenig Privatsphäre), er ist in seinem Raum eingeschlossen und wird von der Familie „ver-drängt“, nur das Fenster erinnert ihn an die Freiheit
Kafka ist für seine eigenwillige Strukturen bekannt: Das „Kafkaeske“ (= laut Duden „auf unergründliche Weise bedrohlich[e]“), über das du mehr im Kapitel Sprache und Stil lesen kannst, wird in der Verwandlung durch eine komplizierte und den Leser bisweilen verwirrende Struktur widergespiegelt. Die Erzählung beginnt ungewöhnlich, nämlich völlig unvermittelt: Wir als Leser sind wie Gregor Samsa damit konfrontiert, dass er in einen Käfer verwandelt wurde. Die Verwandlung ist schon geschehen, wir erfahren ihre Gründe nicht und müssen sie als absurde Tatsache akzeptieren, die mit Gregor Samsas Alltag in Einklang gebracht werden muss. Nur stückweise erfahren wir von Gregors Vergangenheit, der finanziell schwierige Lage seiner Familie, der Unterdrückung durch seinen Chef, dem Stress auf der Arbeit, der Distanz zur Familie und „ein[em] nie herzlich werdender menschliche[n] Verkehr“ (S. 8) - hierin kann man die Gründe für die Verwandlung Gregors zumindest vermuten. Die Entwicklung eines harten Panzers könnte eine Schutzreaktion vor einer bedrückenden Umwelt gewesen sein. Genau wissen wir es nicht, der Moment der Verwandlung wird an keiner Stelle thematisiert, nach deren Gründen wird nicht geforscht, sodass diese Frage letztlich offen bleibt, auch wenn es Indizien gibt, wie oben genannt. Dem unvermittelten Anfang steht ein offenes Ende gegenüber. Wir erfahren ebenso wenig über die Zukunft der Familie wie über die konkrete Ursache der Verwandlung.
Zwischen diesen zwei „Eckpfeilern“ der Erzählung stehen drei Teile von ungefähr gleicher Länge. Der erste Teil behandelt das Bemerken der Verwandlung Gregors und die ersten Reaktionen darauf. Gregor wird im ersten Teil bereits „entmenschlicht“. Diese Entmenschlichung schreitet im zweiten Teil voran, Gregor gewöhnt sich an seinen neuen Körper, die Familie versucht, gemeinsam mit ihm zu leben, empfindet aber Angst und Ekel. Im dritten Teil schließlich öffnet sich die Familie Gregor anfangs ein wenig, doch vernachlässigt sie ihn mehr und mehr; schließlich stirbt Gregor. Der dritte Teil behandelt im Besonderen das neue Leben der Familie und ihre Loslösung von Gregor. Auffallend ist, dass Gregor am Ende eines jeden Teils eine Kränkung durch die Familie erfährt oder verletzt wird, nachdem er seinem Zimmer entkommen ist. Im ersten Teil versucht Gregor, den Prokuristen zu beschwichtigen und wird von seinem Vater in sein Zimmer zurückgestoßen, im zweiten Teil wird Gregor mit Äpfeln beworfen, nachdem die Mutter bei seinem Anblick in Ohnmacht gefallen ist, im dritten Teil beschließt die Familie nach seinem Ausbruch während eines Konzerts von Grete Gregor loszuwerden, weshalb er in sein Zimmer kriecht und stirbt. Trotz des schwankenden Verhältnisses begegnet man Gregor am Ende jeden Teils mit gesteigerter Feindseligkeit; seine Menschlichkeit wird ihm mehr und mehr aberkannt (während die Mutter im zweiten Teil noch Bedenken äußert, Gregor seiner menschlichen Vergangenheit zu berauben, verneinen der Vater und die Schwester am Ende des dritten Teils, dass im Käfer ein Mensch steckt). Trotz der vereinzelten Besserungen im Familienverhältnis verschlechtert sich dieses im Großen und Ganzen der Erzählung zunehmend.
Zeitlich decken die drei Teile etwa ein halbes Jahr ab. Die Erzählung beginnt ungefähr im Spätherbst und schließt Ende März. Im Folgenden wird die Zeitstruktur der Verwandlung detailliert betrachtet:
Abschnitt im Buch Zeit-
angabe
Handlung
Erster Teil „Eines Morgens“, vmtl. Spät-herbst, vor 6:30 Uhr Gregor wacht in einen Käfer verwandelt auf und denkt über sein Leben nach
Ca. 8 Uhr Der Prokurist erscheint in der Wohnung, Gregor entkommt seinem Zimmer Die Verwandlung wird bemerkt, er wird vom Vater zurückgetrieben
Zweiter Teil Am selben Abend Gregor erwacht, in der Wohnung ist es still
Am nächsten Morgen Gregor wird von der Schwester gefüttert Der Vater klärt die Vermögens-
verhältnisse (Rückblick)
Mehrere Tage Gregor isst und schläft immer weniger Er belauscht die Familie Finanzielle Sorgen bestimmen das Familienleben
14 Tage nach der Ver-wandlung (Rück-blick) Die Schwester wird von der Familie anerkannt Sie ist die einzige, die sich in Gregors Zimmer traut
Einen Monat nach der Ver-wandlung Die Schwester erblickt Gregor am Fenster und erschreckt sich Gregor bedeckt das Kanapee mit einem Leinentuch
Zwei Monate nach der Ver-wandlung Gregors Schwester und seine Mutter räumen die Möbel aus seinem Zimmer Gregor schützt sein Bild, die Mutter sieht ihn und fällt in Ohnmacht Der Vater erfährt davon, bewirft Gregor mit Äpfeln und verletzt ihn schwer
Dritter Teil Ca. ein Monat nach Apfel-wurf,
längere, unbe-stimmte Zeit-spanne danach
Man arrangiert sich mit Gregor, die Tür wird abends aufgelassen Die Familie arbeitet bis zur Erschöpfung, die finanzielle Lage ist schlecht Gregor leidet mit, schläft kaum Drei Untermieter ziehen ein, Gregors Zimmer wird zur Abstellkammer
Das Früh-jahr kommt Die knochige Bedienerin kennt keine Scheu vor Gregor Gregor isst kaum mehr etwas
Unbe-stimmte Zeit danach, eines Abends Die Schwester gibt ein Konzert für die Untermieter Gregor kriecht hervor, die Familie will ihn loswerden Gregor kriecht in sein Zimmer zurück und stirbt
Nächster Morgen, Ende März Die Familie kündigt den Untermietern und nimmt sich einen Tag frei Die Familie macht einen Spaziergang und denkt optimistisch an die Zukunft
Während der zweite und der dritte Teil in etwa eine gleiche erzählte Zeit abdecken (jeweils mehrere Monate), deckt der erste Teil nur ein paar Stunden ab, obwohl er eine ähnliche Länge aufweist wie die anderen Teile. Der erste Teil behandelt Gregors menschliche Vergangenheit auch am längsten und genauesten. Dieser erste Tag nach der Verwandlung ist also von besonderer Bedeutung und wird vom Erzähler akribisch beschrieben - hier erfahren wir wichtige Details über mögliche Ursachen der Verwandlung und über die Figuren. Zugleich muss vor allem dieser Tag für Gregor selbst sehr lang erscheinen, da er sich mit seiner neuen Rolle abfinden muss. Das wird durch die lange Erzählung einer kurzen Zeitspanne erreicht. Während der nächsten Teile werden schnell mehrere Monate übersprungen, was dem eintönigen Leben Gregors entspricht. Die Zeitangaben sind oft ungenau oder fehlen völlig, schließlich hat sie auch für Gregor immer weniger Bedeutung. Zudem gibt es in zweiten Teil einige Rückblenden bzw. Brüche im linearen Erzählen. Die Ungenauigkeit der Zeitangaben erschwert es zudem, die einzelnen Ereignisse in eine geordnete Reihenfolge zu bringen.
Es lohnt sich auch, neben der Zeitstruktur auch die Raumstruktur der Verwandlung genauer zu betrachten. Der größte Teil der Handlung spielt sich in Gregors Zimmer ab, zu dem sich drei Türen öffnen. Eine Tür führt ins Wohnzimmer, eins zum Zimmer der Schwester, eins ins Vorzimmer, von dem aus eine Treppe abgeht (das Wohnzimmer öffnet wohl zum Vorzimmer hin). Gregor ist in seinem Zimmer isoliert und versteckt sich zudem bei Besuch seiner Schwester unter dem Kanapee, wo er sich zwar eingeengt, aber sicher fühlt. Selbst das abgeschlossene Zimmer ist für Gregor zu groß. Dennoch nutzt er auch die Wände und die Decke, um sich mit dem Kriechen abzulenken. Somit ist das Zimmer Gefängnis und Ort der Privatsphäre zugleich; wenn andere Personen Gregors Zimmer betreten, hat er es jedoch nicht mehr für sich alleine und muss sich in seinem Gefängnis noch zusätzlich einschränken. Gregor wird also nicht nur sozial, sondern auch ganz konkret räumlich „ver-drängt“. Die Türen verdeutlichen, dass Gregor im Zentrum der Familie steht (finanzielle Rolle), aber von dieser auch eingeengt wird, er kann sich nicht frei bewegen und steht unter Beobachtung. Die Erinnerung an Freiheit erlebt er nur durch das Kriechen (gewissermaßen betont er damit seine Privatsphäre) und den Blick durch das Fenster. Doch seine Sehkraft nimmt nach, sodass er das Krankenhaus auf der anderen Seite nicht mehr sehen kann. Gregors Wahrnehmung bleibt also auf sein Zimmer beschränkt.
Immer, wenn Gregor sein Zimmer verlässt und somit ins Reich der Familie tritt, erfährt er eine Kränkung, es kommt zum Konflikt und er wird verletzt. Ein Platz in der Familie wird ihm aberkannt. Gregor lebt also vereinsamt und von aller menschlichen Nähe entrissen in seinem Zimmer, auf eigene Veranlassung darf er nichts tun, die Familie muss es ihm erst zugestehen.
Erst nach dem Tod Gregors verlässt die Handlung die Wohnung; wir als Leser folgen der Familie auf ihrem Ausflug in die Stadt. Die Familie ist nun „frei“ von Gregor und beschließt umzuziehen. Dies betont noch einmal, welch zentrale Rolle die Raumstruktur in der Verwandlung einnimmt. Der Raum der Wohnung ist der spezifische Raum der Familie, die mit Gregor zusammenlebt. Ohne ihn verliert die Wohnung ihre Funktion.

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?