Stilmittel
In diesem Abschnitt wird ein Überblick von Kleists gewählten Stilmitteln in Die Marquise von O... gegeben.
Grammatik und Wortwahl
- Gehobene Sprache: Die anspruchsvolle Wortwahl dient als Unterstreichung der gehobenen Ränge der Charaktere. Die Marquise und der Graf sprechen entsprechend ihres gesellschaftlichen Stands in einer Weise, die sie vom restlichen Volk abhebt, was in Anbetracht der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung zwischen Adel und Bürgertum zum Tragen kommt.
- Vokabular aus militärischen Kreisen: Die Ränge und Gebrauchsgegenstände der Agierenden dienen als Stütze für das Handlungs-Setting in einer belagerten Stadt. Hier verwendet der Autor die Elemente der Belagerung, um die Zwänge der Personen zu symbolisieren. Wo sich die Bürger der Stadt M... durch ihre Normen selbst in ihrer Verwirklichung beschränken, werden sie von der russischen Armee von außen hin ihrer Freiheit beraubt
- Beispiel: Obrist, Kommandant, aber auch „unterjochen lassen“, S. 33
- Indirekte Rede: In der gesamten Novelle wird weitgehend auf direkte Rede verzichtet. Zum einen dient dieses Stilmittel als Stütze des wiederholten Motivs der Sprachlosigkeit aller Charaktere, andererseits wird so die Geschwindigkeit der Handlung voran getrieben. (Beispiel: „Der Forstmeister äußerte, dass ein solcher Schritt gerade das Gegenteil bewirken, und ihn nur in der Hoffnung, durch seine Kriegslist zu siegen, bestärken würde.“, S. 14).
- Direkte Rede: Die direkte Rede kommt in der Novelle nur dann zum Einsatz, wenn eine Figur einen emotionalen Ausruf tätigt. Dies dient der Unterstreichung der inhaltlichen Bedeutung des Gesagten
- Beispiel: „O, die Schändliche!, versetzte der Kommandant“, S. 37
- Nebensatzkonstruktionen: Gerade bei Graf F... verwendet Kleist viele Nebensatzkontruktionen, was seine Aufregung und die damit einhergehende Schnelligkeit der Sprache verdeutlicht
- (Beispiel: „Der Graf äußerte (...), dass er (...) dies Schicksal vorausgesagt habe; dass er sich inzwischen dadurch in die äußerste Bekümmernis gestürzt sehe; dass ihm (...) eine nähere Bekanntschaft nicht anders als vorteilhaft sein könne; dass er für seinen Ruf (...) einstehen zu dürfen glaube...“, S. 12.
- Interpunktion: Kleist verwendet sowohl Gedankenstriche als auch Kommata, um dem Text eine Struktur zu verleihen. Dabei verzichtet er auf grammatische Regeln und erzeugt einen selbstgestalteten Leserhythmus
- Ein besonders wichtiges Beispiel ist der Gedankenstrich auf Seite 7, hier wird die Vergewaltigung der Marquise angedeutet - ohne ausformuliert zu werden. Dem Text wird somit zwar die Ausführlichkeit genommen, dafür aber ein stilgebendes Element der Leserverunsicherung gegeben).
Stilmittel
- Abkürzungen: Die Kürzung der Ort- und Nachnamen dient schon im Titel dazu, die Novelle sowohl allgemeingültig (das Geschehene könnte zu der Zeit überall und jedem wiederfahren, die Namen der Protagonisten werden zu Platzhaltern) als auch spannend (Ähnlichkeit der Novelle zu einem Kriminal- oder Medienbericht) zu gestalten.
- Symbolik: Kleist verwendet Symbole wie den Schwan (Reinheit der Marquise), die unbefleckte Empfängnis (unmögliche Schwangerschaft der Marquise) und den Engel-Teufel-Vergleich (Ambivalenz des Grafen F...), um bestimmten Situationen eine besondere Bedeutungsschwere zu verleihen.
- Wenn die Marquise also als rein wie ein Schwan bezeichnet wird, so ist sie eben nicht lediglich rein, sondern ihre Fallhöhe wird durch die Vergewaltigung des Grafen besonders hervorgehoben.
- Kritikäußerung: Kleist nutzt komplizierte Satzkonstruktionen und grammatische Willkür als indirekte, fast versteckte Gesellschaftskritik. Dabei steht die gestellte, verschachtelte Sprache in direkter Verbindung zu den steifen Gesellschaftsnormen, die in der Novelle dargestellt werden.
- Beispiel: „Man erwartete nur, nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen, dass dieser Gegenstand zur Sprache kommen würde, um ihn mit vereinter Kraft zu bestürmen, den Schritt, den er gewagt hatte, wenn es noch möglich sei, wieder zurückzunehmen“, S. 19. Hier wird von keinem Charakter angesprochen, was der Wunsch der Familie ist. Stattdessen wird mit Beachtung der Etikette und Höflichkeit darauf Wert gelegt, den Grafen nicht zu kränken, was die Situation unnötig in die Länge zieht.
- Humor und Ironie: Durch ironische Überspitzung einzelner Szenen arbeitet Kleist außerdem die Absurdität der gesellschaftlichen Konventionen heraus, dies zum Beispiel als die Marquise ihre Familie mit Weihwasser bespritzt.
- Ähnlich wie Satire sorgen die Überspitzungen dafür, dass die Kritik zwar nur unterschwellig zum Tragen kommt, vom Publikum aber durchaus wahrgenommen wird.