Poetik vs. Psychologie
Im Falle der Märchennovelle Das Marmorbild lassen sich zwei unterschiedliche Interpretationswege einschlagen, welche wir nun im Folgenden vorstellen und erläutern werden. Es handelt sich bei diesen beiden Ansätzen einmal um den Blickwinkel des Werks aus peotologischer Sicht und auf der anderen Seite um die psychoanalytische Perspektive.
Der poetologische Interpretationsansatz
- Selbstreflektiert: Anders, als auf den ersten Blick zu vermuten, stellt die, stark ins Licht der Romantik getauchte Märchennovelle Eichendorffs eine kritische Auseinandersetzung mit der damaligen Literaturepoche der Romantik dar. Insbesondere das Ineinandergreifen von Fantasie und Realität in Das Marmorbild soll vielmehr auf die Gefahren einer solchen Realitätsverschiebung und Wirklichkeitsflucht hinweisen, als sie zu befürworten
- Ambivalent: Die Beschreibung von Empfindungen und Fantasievollem finden in Eichendorffs Werk sowohl in die gute, helle Richtung, als auch in die dunkle, diabolische Richtung statt. Dass der Autor allerdings beide Seiten miteinbezieht, spricht dafür, dass er die Wirklichkeit möglichst realitätsgetreu wiedergeben möchte. Es geht für den Spätromantiker also darum, eine Balance zwischen den beiden gegensätzlichen Mächten herzustellen, wobei er dem Motto folgt, dass es ohne Dunkel kein Licht geben kann
- Religion: Damit ein Mensch durch die Verführungen dieser Welt nicht vom Weg abkommt, sich in den Verlockungen nicht verliert - bedarf Poesie Eichendorff nach, „in ihrem Kern selbst religiös“ zu sein. Es ist dem Autor ein großes Anliegen, seiner Leserschaft durch das Aufzeigen einer überirdischen Macht, in diesem Fall dem Glauben, einen tieferen Sinn des Lebens zu vermitteln
- Wegweiser: Während man sich von seinen Emotionen leiten und mitunter der Fantasie freien Lauf lässt, so Eichendorff, sollte richtungsweisend immer der Verstand miteinbezogen werden. Die drei Komponenten Gefühl, Fantasie und Verstand gilt es, im Gleichgewicht zu halten. In Das Marmorbild beschreibt der Literat am Beispiel von Florio, was passiert, wenn dieses Trio gestört ist, nämlich, dass dann die Gefahr zur Wirklichkeitsverschiebung, Geisteskrankheit und überzogenen Sentimentalität besteht
Der psychoanalytische Interpretationsansatz
- Florios Träume: Hinter den immer wiederkehrenden Traumzuständen kann aus psychologischer Sicht unbewusst Unverarbeitetes stecken. Bei diesen Emotionen handelt es sich um unterbewusste Gefühle, Wünsche oder Ängste. Auch in Florios Fall sind seine Träume auf Ereignisse vom Vortag oder aus der Kindheit (S. 39) zu beziehen, die er zum Teil unbewusst erlebte, die ihn jedoch in seinem Unterbewusstsein beschäftigen
- Psychonalyse: Wenn wir Florios Persönlichkeit von der psychoanalytischen Warte Sigmund Freuds aus betrachten, können wir seine Persönlichkeitsebenen in psychologische Kategorien einordnen. Laut Psychologie gibt es das Es, das Über-Ich sowie das Ich
- Es: Florios Es wird in der sexuellen Lust verkörpert, die sich spezifisch in seinen Träumen bemerkbar macht. Er fühlt sich zu Bianka hingezogen, kann diesen Trieb jedoch nicht öffentlich ausleben, da ihn das Über-Ich daran hindert
- Über-Ich: Die Religion und Erziehung der Hauptfigur stellen das Über-Ich dar. Sie wollen Florios Sexualtrieb im Keim ersticken, da dies jedoch nicht möglich ist, sucht das Über-Ich ein Ersatzventil für die sexuelle Lust des Protagonisten. Diesen Triebersatz findet Florio in der Figur der Venus, die das Es mit körperlich attraktiven Merkmalen ausstattet
- Ich: Erst das Ich bildet eine reinkarnierte Version Florios Persönlichkeit. Es steht für den neugeborenen Florio, für dessen Erwachen und Erleuchtung. Nachdem der Protagonist zwischen Es und Über-Ich hin-und hergerissen war, erlangt ihn nach seiner Lossagung von Venus mit der Erkenntnis sein wahres Ich