Rezeption
Rezeption
Der Proceß hat wie Kafka eine wechselhafte und dadurch besonders interessante Rezeptionsgeschichte. Bereits die Umstände, unter denen er erschien, sind ungewöhnlich: Max Brod veröffentlichte den Proceß 1925, ein Jahr nach Kafkas Tod in einer überarbeiteten Version, da Kafka seine Arbeit am Werk 1915 abgebrochen hatte - Brod fiel die Aufgabe zu, den handschriftlich notierten Text zu korrigieren, nach Kapiteln zu ordnen und dem Fragment so eine größtmögliche innere Geschlossenheit und Schlüssigkeit zu geben. Die Veröffentlichung von unvollendeten Werken nach dem Tod eines Autors ist an sich nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich jedoch ist, dass Max Brod, Herausgeber und Freund Kafkas (wobei manche Kritiker der Meinung sind, er sei kein allzu enger Freund Kafkas gewesen), diesen Roman und andere Texte Kafkas gegen seinen Willen veröffentlichte. Der sterbende Kafka, seit je her von Selbstzweifel geplagt, hatte seinem Freund angewiesen, sein gesamtes Werk zu vernichten. Brod entschied sich dagegen.
Die Veröffentlichung gegen den Willen eines sterbenden Freundes erregte bei einigen Menschen Abscheu - aber bei noch viel mehr Lesern Freude und Begeisterung. Der Roman des bis dahin nur sehr wenigen Eingeweihten bekannten Pragers Kafka fand Gefallen bei einflussreichen und sehr erfolgreichen deutschen Autoren wie Thomas Mann, Hermann Hesse oder Kurt Tucholsky. Sie alle hoben das Genie Kafkas, die Einzigartigkeit seines verstörenden, albtraumartigen und schwer verständlichen Werks hervor. Die Radikalität von Kafkas verwirrendem Stil gereichte dem Werk zum Vorteil und nicht zum Nachteil. Mit seiner Kritik an der Bürokratie, der Darstellung von Isolation und Gewalt, der Thematisierung von menschlichen Grunderfahrungen und nicht zuletzt der menschlichen Psyche traf Kafka nach seinem Tod den Nerv der Zeit. Der Proceß wurde von den meisten nicht als Fragment betrachtet, sondern als in sich geschlossenes Werk - der teilweise noch hervortretende fragmentarische Charakter verstärkt zudem die sich dem Verstand entziehende Atmosphäre des Romans.
Die Kafkarezeption und damit die Rezeption des Processes erfuhr aber nur 8 Jahre nach dessen Veröffentlichung einen Bruch. Kafka, ein Autor jüdischer Herkunft, noch dazu ein Repräsentant moderner Literatur mit unverwechselbarem, sehr individuellem und radikalen Schreibstil, wurde in der Zeit des Nationalsozialismus auf die Liste der verbotenen Autoren gesetzt, seine Bücher wurden mit den Werken anderer Autoren öffentlich verbrannt. Dass in Werken wie dem Proceß zudem Brutalität und Unmoral von übergeordneten Institutionen dargestellt wurden, machte Kafka auch politisch gefährlich. Zudem galt sein eigenwilliger und surrealer Stil als „entartet“. Die Kafka-Rezeption brach zwischen 1933 und 1945 aber nicht vollständig ab - denn Kafka war mittlerweile auch international bekannt, da junge Autoren aus einer Vielzahl an Ländern (darunter v. a. Frankreich, Großbritannien und die USA) Kafka und den Proceß als sein großes Meisterwerk für sich entdeckten.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Kafkas Ruhm einen Aufschwung. Als Teil der Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit schenkte man den verbotenen Autoren und ihren Büchern große Beachtung. Der Proceß wurde von kritischen Deutschen als frühe künstlerische Verarbeitung totalitärer Tendenzen gelesen, also als Vorwegnahme des Nationalsozialismus. Seit der Nachkriegszeit hat sich Kafkas Beliebtheit und die des Processes erhalten, wie zahlreiche von ihm beeinflusste Werke verdeutlichen: Orson Welles, dessen Film Citizen Kane vom American Film Institute als bester amerikanischer Film aller Zeiten bezeichnet wird, verfilmte den Prozess 1962; Steven Soderbergh griff den Proceß und andere Werke in seinem Film Kafka von 1992 auf; zudem finden Theaterinszenierungen des Processes oft große Beachtung, wenn sie auch eher selten sind (das Werk ist sehr schwer zu inszenieren).
Die vielfältigen Möglichkeiten, den Proceß auszulegen, die Thematisierung von menschlichen Grunderfahrungen wie Schuld, Sexualität, Verantwortung, Freiheit und Hoffnung und die Einzigartigkeit des gesamten Werks, das durch ein kaum erklärbares Gericht und einen vor allem unterbewusst stattfindenden Prozess bestimmt wird, machen den Roman zeitlos. Die Isolation des Menschen Kafka hat sein literarisches Schaffen begünstigt, denn dadurch fällt es nicht in eine bestimmte literarische Strömung, gibt keinen bestimmten Zeitgeist wieder, sondern steht wie sein Autor für sich allein.