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Inhaltsverzeichnis

Aufbau

Bezogen auf den inhaltlichen und strukturellen Aufbau in Emilia Galotti beschäftigen wir uns zunächst mit den Merkmalen der vorliegenden Literaturgattung und werfen anschließend noch einen Blick auf die strukturelle Beschaffenheit eines Dramas, wie es Emilia Galotti ist.

Definition und Merkmale einer Tragödie

  • Es handelt sich bei dieser Literaturgattung um eine Form des Dramas, dessen Ursprünge bis weit zurück in die griechische Antike zu datieren sind. Ursprünglich wurde die Tragödie im alten Griechenland zugunsten des Gottes Dionysos aufgeführt. Dionysos stand für Fruchtbarkeit und zugleich für Wahnsinn, was den Charakter der Tragödie maßgeblich prägte. In dieser Form des Dramas stellte man sich über Gottes Gesetze und eine sogenannte Selbstüberhebung, auch hybris genannt, fand statt. Inzwischen hat sich die Tragödie über die Jahrhunderte hinweg verändert, doch die Existenzfragen nach den Kontroversen der Menschheit sind nach wie vor ein fester Bestandteil dieser Theaterform
  • Die Tragödie wird auch als aristotelisches oder klassisches Drama bezeichnet
  • Der Begriff Tragödie stammt von dem griechischen Wort tragodía und bedeutet übersetzt Gesang um den Bockspreis, was gleichzusetzen ist mit der unlösbaren sowie unaufhaltbaren Verstrickung eines Menschen in ein Problem
  • Die Begriffe Tragödie und Trauerspiel sind identisch, bei Letzterem handelt es sich lediglich um die deutsche Übersetzung des Fremdwortes
  • Die Tragik in einer Tragödie liegt darin, dass die Hauptfigur sich durch einen verhängnisvollen und weitreichenden Fehler immer weiter in ihre missliche Lage verstrickt. Wobei an dieser Stelle angemerkt werden soll, dass tragisch nicht mit traurig auf eine Stufe gestellt werden sollte, sondern eher die Ausweglosigkeit des Protagonisten aus seiner Situation repräsentiert
  • Das unglückliche Ende einer Tragödie besitzt den Auftrag den Zuschauer zu desillusionieren. Es zwingt das Publikum, sich eingehend mit dem moralischen Konflikt des Stückes und somit seiner eigenen Existenz als moralische Instanz auseinanderzusetzen
  • Der Aufbau einer Tragödie entspricht der des klassischen Dramas: Beginnend mit einer Exposition kommt es zur Zuspitzung der Problematik. Nachdem die Handlung dann ihren Höhepunkt gefunden hat, tritt ein retardierendes Moment ein, welches anschließend in der Katastrophe mündet. Im Unterpunkt Aufbau und Struktur werden die einzelnen Elemente des Aufbaus in Emilia Galotti noch einmal genauer untersucht
  • Drei elementare Schlüsselbegriffe machen eine Tragödie aus. Das ist zum einen die mimesis, welche für die Nachahmung menschlichen Handelns steht und im klassischen Drama von den Schauspielern inszeniert wird. Das unbarmherzige Aufzeigen der Schattenseiten des menschlichen Seins anhand der mimesis soll bei dem Zuschauer eleos, Mitleid und phobos, Schrecken auslösen. Einzig allein durch diese Reaktionen wird eine katharsis, eine Reinigung des Bewusstseins und der Seele des Publikums gewährleistet

Merkmale des bürgerlichen Trauerspiels in Emilia Galotti

  • Das bürgerliche Trauerspiel ist eine Form der Tragödie, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts in der Literatur entwickelt. In diesem Zeitraum publiziert Gotthold Ephraim Lessing 1772 auch sein Stück Emilia Galotti
  • In der klassischen Tragödie war durch die damals herrschende Ständeklausel eine bürgerliche Besetzung kaum denkbar gewesen. So unterscheidet sich das bürgerliche Trauerspiel von der klassischen Tragödie darin, dass die Hauptrollen bewusst von Figuren aus dem Bürgertum vertreten werden. Beispielhaft dafür dient uns die Protagonistin in Emilia Galotti, welche zwar in adligen Kreisen verkehrt, jedoch selbst aus einfachem Hause stammt
  • Eine geschlossene Form des klassischen Dramas ist klar von der signifikant offeneren Gestaltung eines bürgerlichen Trauerspiels abzugrenzen. So tauchen etwa auch in Emilia Galotti unterschiedliche Schauplätze auf, die den jeweiligen Handlungsstrang erheblich beeinflussen. So wählt der Autor keineswegs zufällig Orte aus, die bis auf das Landgut des alten Galotti und die Kirche Allerheiligen alle im Machtgebiet der Krone liegen und somit des Prinzen Hettore fallen. Vielmehr soll die Einschlägigkeit der Lokalitäten im Werk die allumfassende Dominanz des Adels über das Bürgertum verdeutlichen. Sowohl das Kabinett des Prinzen als auch sein Lustschloss auf Dosalo und nicht zuletzt sogar das Haus der Galottis sind Schauplätze, über welche Prinz Hettore herrscht
  • Ursprünglich wurde die Gattung des Trauerspiels ausschließlich in einer strengen Reimform gehalten. Eine Veränderung, die die bürgerliche Version der Tragödie aufweist, ist der Schreibstil in Prosa. So sind in dem vorliegenden Drama zwar vereinzelte Reime aufzufinden, doch die prosaische Schreibweise dominiert über die einstige lyrische Form
  • Die Themen Ehre und Moral bilden einen festen Bestandteil des bürgerlichen Trauerspiels. Lessings Ziel ist es, zu verdeutlichen, dass tugendhaftes Verhalten nicht allein dem Adel und Klerus vorbebehalten ist, sondern ebenso seine Daseinsberechtigung im einfachen Volk findet. Der Autor Emilia Galottis verleiht den bürgerlichen Figuren in letzterer Tragödie ein hohes Maß an Empfindsamkeit, Emotionalität sowie Würde, während etwa der Prinz als Vertreter der Krone entgegen jeglicher Moral handelt. Am Ende sind es Emilia sowie ihr Vater Odoardo, deren Ehrgefühl stärker ist als das des Adligen Hettore
  • Ähnlich wie das traditionelle Drama besitzt auch das bürgerliche Trauerspiel nach Lessing einen Bildungsauftrag, welcher darin besteht, die Zuschauer für moralische Themen zu sensibilisieren. Das Ziel, die Empfindsamkeit der Leserschaft zu wecken sowie zu verstärken, erreicht Gotthold Ephraim Lessing, indem er bewusst Figuren für seine Dramen auswählt, die ein Identifikationspotenzial für den einfachen Bürger darstellen. Das Hineinversetzen in eine andere Person funktioniert besonders gut, wenn man dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Auch der erzieherische Effekt ist nachhaltiger, da das Publikum sich in einer bürgerlichen Figur eher wiedererkennt als in einem Vertreter der Krone. Laut Lessing entsteht „aus dieser Gleichheit [...] die Furcht, daß unser Schicksal gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam zur Reife bringe.“ (Hamburgische Dramaturgie, 75. Stück, 19. Januar 1768)

Aufbau und Struktur

  • Exposition / erregendes Moment (1. Aufzug): In den ersten acht Auftritten des ersten Aufzugs werden zunächst einmal die unterschiedlichen Charaktere des Trauerspiels Emilia Galotti vorgestellt und der Zuschauer erhält erste Einblicke bezüglich der Handlung sowie Angaben zu Zeit und Ort. Außerdem können Anzeichen, wie zum Beispiel die geplanten Intrigen des Kammerherrn und des Prinzen bereits als Vorboten für ein nahendes Unheil und somit als erregendes Moment gedeutet werden
  • Exposition / erregendes Moment (2. Aufzug): Ein zweiter Teil der Exposition findet im zweiten Aufzug statt. Hier werden, nachdem im Vorfeld bereits die Figuren aus dem Adel vorgestellt wurden, die bürgerlichen Personen im Stück sowie ihre Lebensumstände eingeführt und erläutert. Der in dem ersten Aufzug noch nicht in aller Ausführlichkeit definierte Konflikt verhärtet sich im Zuge des zweiten Aufzugs zunehmend. Nicht grundlos wächst Odoardos Sorge um seine Tochter (Aufz. 2, Auft. 4) und Appiani findet sich in einer unerklärlichen Melancholie gefangen (Aufz. 2, Auft. 7). Auch dass Hettore Emilia die Aufwartung in der Kirche macht (Aufz. 2, Auft. 6) und Angelo, der Mörder verdächtige Fragen zum Reiseweg der Hochzeitskutsche stellt (Aufz. 2, Auft. 3) verstärkt das unwohle Gefühl, dass etwas Grauenvolles geschehen wird, unweigerlich. Im erregenden Moment findet eine Steigerung der Handlung statt, die im vorliegenden Drama darin gipfelt, dass Marinelli versucht, den Bräutigam mit einem Vorwand von der Hochzeit wegzulocken. Dieses Unterfangen scheitert jedoch an Appianis gesundem Misstrauen gegenüber dem Kammerherrn
  • Höhepunkt (3. Aufzug): Die Klimax der Handlung konstatiert sich in dem Überfall und der Ermordung des Grafen Appiani. Der lokale Wechsel zu einem neuen Schauplatz grenzt das erregende Moment sowie den Höhepunkt auch räumlich voneinander ab. Ab dem dritten Aufzug des Trauerspiels findet die Handlung im Lustschloss des Prinzen statt. Nachdem der teuflische Plan Marinellis aufgeht, kommt es jedoch zu einem Wendepunkt in der Handlung, da Emilias Mutter Claudia die Inszenierung des Überfalls begreift und somit die falsche Fassade des Prinzen und seines Kammerherrn zu bröckeln beginnt (Aufz. 3, Auft. 8)
  • Retardierendes Moment (4. Aufzug): In dem nun abfallenden Handlungsverlauf muss der Prinz erkennen, welchen irreversiblen Schaden er und sein Kammerherr Marinelli angerichtet haben. Hettore übernimmt zwar nicht die Verantwortung am Tod des Grafen Appiani, da dieser Plan von Marinelli stammte, begreift jedoch allmählich die Tragweite seiner Handlungen. Die Spannung wird zum Ende hin noch einmal gesteigert, indem Gräfin Orsina von dem Verbrechen erfährt und auch Odoardo das Schloss erreicht und ebenfalls über die Umstände aufgeklärt wird. Dass Orsina Emilias Vater am Ende des vierten Aufzugs einen Dolch übergibt, welcher als Mordwaffe für den Prinzen dienen soll, verrät bereits die darauffolgende Katastrophe
  • Katastrophe (5. Aufzug): Im letzten Zug einer klassischen Tragödie löst sich der Konflikt, und das Schicksal des Protagonisten scheint besiegelt und nicht mehr aufzuhalten. Die unbändige Wut des alten Galotti verfliegt inzwischen und sein ursprünglicher Plan, den Prinzen zu ermorden, weicht einem neuen Vorhaben. Um die Ehre seiner einzigen und geliebten Tochter zu retten, beschließt Odoardo, ihr das Leben zu nehmen. Als der Vater kurz davor ist, seinen Entschluss wieder rückgängig zu machen, erscheint Emilia und Odoardo versteht dies als ein Zeichen Gottes. So ersticht der alte Galotti seine Tochter, um dem Prinzen sein Liebstes zu nehmen und simultan wieder die Würde seines Kindes herzustellen

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