2. Kapitel
2. Kapitel: Erste Untersuchung
K. wird am Telefon dazu aufgefordert, am kommenden Sonntag zu einer Untersuchung zu seinem Prozess zu erscheinen. Diese Untersuchungen würden nun regelmäßig stattfinden. Den Sonntag habe man als Tag gewählt, damit K. seinem Beruf ungestört nachgehen könne. Man nennt K. die Adresse, wo er erscheinen soll - es handelt sich um ein Haus in einer „entlegenen Vorstadtstraße“ (Z. 22 f.). Damit die erste auch die letzte Untersuchung sein wird, entschließt sich K., am Sonntag zu erscheinen. Als er den Hörer auflegt, steht der Direktor-Stellvertreter seiner Bank bei ihm und lädt ihn zu einer sonntäglichen Segeltour ein. K. gerät dadurch in die Bredouille, weil er sich mit dem Stellvertreter, dem zweithöchsten Angestellten der Bank und seinem Konkurrenten, bisher nicht gut verstanden hat. K. hält die Einladung für ein Angebot zur Versöhnung und will den Direktor-Stellvertreter nicht demütigen - dieser zeigt sich von K.s Absage jedoch nicht enttäuscht. In Gedanken an seinen Prozess versunken, kann K. dem Gespräch mit seinem Konkurrenten nicht weiter folgen. Da K. nicht weiß, zu welcher Uhrzeit er erscheinen soll, beschließt er, sonntags um 9 Uhr zu kommen, da Gerichte normalerweise um diese Zeit mit ihrer Arbeit beginnen (Z. 61 f.).
Am Sonntag verschläft K. fast, denn er hat sich in der Nacht zuvor noch lange am Stammtisch vergnügt. Aus Trotz beschließt K., zum verabredeten Ort zu laufen - er will keine fremde Hilfe in seiner Sache annehmen, wozu er anscheinend auch Transportmittel wie die Tram rechnet. Außerdem fürchtet er, sich durch „allzugroße Pünktlichkeit vor der Untersuchungskommission zu erniedrigen“ (Z. 78 f.). Er beeilt sich freilich, um 9 Uhr zu erscheinen, obwohl er nicht für eine bestimmte Stunde bestellt wurde.
Die Vorstadt ist voller eintöniger und ungepflegter Mietshäuser, die Menschen leben beengt und in ärmlichen Verhältnissen. Schließlich findet K. das Haus über einen Hof, nachdem er unter vier Treppenaufgängen zufällig den richtigen ausgewählt hat. Um seine Suche nach der Untersuchungskommission in diesem Mietshaus zu beschleunigen, fragt K. nach einem gewissen „Tischler Lanz“, den er kurzerhand erfindet (Z. 140 f.), um in die Wohnungen sehen zu können. Die Mietsparteien helfen ihm bei seiner vorgeblichen Suche und im fünften Stock hat K. Erfolg - auf K.s Frage, ob hier ein Tischler Lanz wohne, bittet ihn eine Waschfrau herein. In der Tür des Nebenzimmers erwartet K. eine Versammlung. Die Leute stehen dicht gedrängt in einem mittelgroßen Zimmer, das an der Decke von einer Galerie umgeben ist. K. wird durch einen „Weg [...], der möglicherweise zwei Parteien schied“ (Z. 195 f.) zu einem Podest geführt.
Auf einem ebenfalls überfüllten Podium mahnt der Untersuchungsrichter, dass K. vor über einer Stunde hätte erscheinen sollen - mittlerweile ist es nach 10 Uhr. K. entgegnet, dass er nun hier sei, wenn er auch zu spät gekommen sein mag, woraufhin die rechte Saalhälfte applaudiert. K. schlussfolgert in Gedanken, dass diese Leute leicht zu überzeugen seien. Trotz der Verspätung will der Untersuchungsrichter K. noch verhören. In einem Heft blätternd fragt der Richter, ob K. Zimmermaler sei, woraufhin K. sagt, dass er erster Prokurist einer großen Bank sei. Während bei der rechten Partei unten im Saal Gelächter ausbricht, bleibt die linke Saalhälfte ruhig, was sie für K. bedeutungsvoller erscheinen lässt. K. nutzt die Gelegenheit, um eine Grundsatzrede zu halten. Die Frage, ob er Zimmermaler sei, nimmt K. als Beispiel für den gesamten Prozess. K. erkenne das Verfahren „aus Mitleid“ an (Z. 278). Daraufhin verstummt das Publikum. Von seinem eigenen Auftritt berauscht, wagt K. sogar, dem Untersuchungsrichter das Heft aus der Hand zu nehmen. Er will das Gericht der Lächerlichkeit preisgeben.
An die weißbärtigen Männer der ersten Reihe gerichtet, meint K., dass sein Fall für viele solcher Verfahren stehe. Da er seinen Fall nicht so schwer nehme, stehe er für andere Angeklagte ein, nicht für sich. Vereinzelter Beifall ertönt; K. fährt fort. Er wolle keinen Rednererfolg, sondern „die öffentliche Besprechung eines öffentlichen Mißstandes.“ (Z. 335) K. kritisiert das Verhalten seiner Wächter und bezeichnet seine Verhaftung als einen Versuch der Rufschädigung, was zwar misslungen sei, aber auch böse hätte enden können.
Unterdessen unterhalten sich die Leute unten „leise, aber lebhaft“ (Z. 390), die Parteien unterhalten sich im dunstigen Zimmer. Um sich Ruhe zu verschaffen, schlägt K. mit der Faust auf den Tisch. Seine Rede gerät nun vollends zu einer Schelte des Gerichts: Hinter allem verberge sich eine große Organisation mit „bestechliche[n] Wächter[n], läppische[n] Aufseher[n] und Untersuchungsrichter[n]“ sowie „eine Richterschaft hohen und höchsten Grades [...] mit dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen und anderen Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern [...].“ (Z. 418-423) Der Sinn dieser Organisation bestehe darin, unschuldige Personen zu verhaften und gegen sie ein sinnloses und ergebnisloses Verfahren einzuleiten, wie in seinem Fall.
In seiner immer schärfer werdenden Rede wird K. letztlich durch ein Kreischen unterbrochen - ein Mann drückt die Waschfrau an der gegenüberliegenden Wand eng an sich. Als K. hinuntereilen will, um Ordnung zu schaffen, wird er von den Leuten daran gehindert. An den Rockkragen der Bärtigen und des Richters erkennt K. ähnliche Abzeichen, weshalb er ausruft: „Ihr seid ja alle Beamte wie ich sehe, Ihr seid ja die korrupte Bande, gegen die ich sprach [...].“ (Z. 470 f.) Daraufhin strebt K. zum Ausgang, wird aber vom Untersuchungsrichter abgepasst. Er habe sich des Vorteils beraubt, den ein Verhör für den Verhafteten bedeute. Dafür hat K. jedoch nur spöttisches Lachen übrig: „‚Ihr Lumpen [...], ich schenke euch alle Verhöre.‘“ (Z. 488 f.)