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Aufbau

Titel des Werks

Laut § 1 des Verschollenheitsgesetzes ist jemand „verschollen [...], [d]essen Aufenthalt während längerer Zeit unbekannt ist, ohne daß Nachrichten darüber vorliegen, ob er in dieser Zeit noch gelebt hat oder gestorben ist, sofern nach den Umständen hierdurch ernstliche Zweifel an seinem Fortleben begründet werden“ (Gesetze im Internet). Zudem besagt § 2, dass ein verschollener Mensch erst dann offiziell für tot erklärt werden kann, wenn seit seinem Verschwinden 10 Jahre ohne Kunde oder ein Lebenszeichen des Verschollenen vergangen sind (vgl. Gesetze im Internet).
Bezieht man sich auf die oben genannte Information, kann festgehalten werden, dass der Verschollenheitsstatus eines Verschollenen einzig von Außenstehenden deklariert werden kann. Spannen wir nun den Bogen zum Titel des vorliegenden Werks, handelt es sich um den Protagonisten Karl Rossmann zwar für die Zurückgebliebenen in Prag um einen Verschollenen. Jedoch bedeutet dies nicht, dass er nicht mehr am Leben ist, sondern dass sich Karl in Amerika ein neues Leben aufgebaut hat, abseits seiner früheren Identität in Böhmen. Es handelt sich bei Karl Rossmann also laut Titelgebung um einen verschwundenen, jedoch nicht um einen verstorbenen Menschen. Dass wir die Hauptfigur als Leser als sehr präsent wahrnehmen, kann sein verschollener Status als paradoxes Phänomen beschrieben werden.

Die zeitliche Struktur in Der Verschollene

  • Eindimensionale Zeitebene: Kafkas Schilderung der Geschehnisse bezieht sowohl Rückblenden in die Vergangenheit, als auch Vorblenden in die Zukunft sowie Gegenwartsbezüge in ihre Erzählweise mit ein. Der Autor verfasst das Erzählte jedoch durchgehend in der Präsenzzeitform. Vom Leserpublikum wird erhöhte Aufmerksamkeit eingefordert, damit es die zeitlich differenzierten Dimensionen trotz der einheitlichen Zeitform zu erkennen und voneinander zu unterscheiden vermag
  • Verschiebung von Beschriebenem und Erinnertem: Ein weiteres Beispiel für die erzählerisch paradox aufbereitete Zeitstruktur im Werk sind etwa Erinnerungen, welche sich als solche nicht klar kennzeichnen, sondern unaufmerksamen Lesern auch wie Beschreibungen vorkommen könnten. So handelt es sich bei der Beschreibung des Landhauses von Pollunder weniger um eine Schilderung in Echtzeit, sondern um eine weitere Erinnerung. Beweisen lässt sich diese Unterstellung damit, dass zwar „nur der untere Teil des Hauses beleuchtet war“ (S. 54, Z. 8) und somit Dunkelheit herrscht, doch explizit auf die Baumart hingewiesen wird. Laut Karl handelt es sich um „Kastanienbäume“ (vgl. S. 54, Z. 10), welche er jedoch nur im Tageslicht so genau hätte ausmachen können
  • Das Verschollene als etwas in Vergessenheit Geratenes: Der Protagonist trägt selbst erheblich dazu bei, seine Identität für Hinterbliebene und Nach-ihm-Suchende zu verschleiern. So schreibt er etwa weder Briefe nach Prag, noch hält er seine Erlebnisse und Erfahrungen in einer anderen Schriftform fest. Auch nimmt Karl Rossmann im Naturtheater von Oklahoma sogar eine neue Identität an, womit er alle möglichen Spuren zu seiner Person verwischt. Gleichzeitig deutet die frequentierte Begegnung anderer europäischer Figuren im Werk darauf hin, dass Karl trotz seines Neuanfangs in New York sich noch nicht ganz von seiner Heimat gelöst hat. Beispielhaft für Personen aus Europa dürfen etwa der französische Delamarche, der irische Robinson oder die ebenfalls aus Böhmen stammende Oberköchin Grete Mitzelbach sowie die ursprünglich aus Pommern kommende Therese angeführt werden
  • Die Funktion der Rückblenden: Die wohl signifikanteste und umfassendste Art der Rückblende ist Thereses Schilderung ihrer Kindheit und Jugend. Hier erfahren wir als Leser, welchen Strapazen und Hürden die junge Frau in ihrem Leben bisher schon bewältigen musste. Die Einbettung jeglicher Rückblenden bewirkt, dass das Leserpublikum die Figuren im Roman besser in ihrer Komplexität erfassen und somit besser verstehen kann. Durch das Vermitteln additiver Informationen zu einer Situation oder Person fällt es einem als Leser*in zudem leichter, die Figur und den Sachverhalt im Gesamtkontext zu erschließen

Die kritische Ausgabe

  • In der Ausgabe des Werks nach Max Brod betitelt der Bekannte Kafkas eigenhändig zwei der unbetitelten Kapitel im Werk, genauer, Kapitel 7 & 8 mit den Überschriften Ein Asyl und „Auf! Auf!“ rief Robinson. Außerdem nennt Brod das zweite Fragment der vorliegenden Ausgabe in Das Naturtheater von Oklahoma um und verzichtet vollends auf das Aufführen des finalen Fragments von Karls Zugfahrt
  • Oftmals in Vergessenheit gerät der kleine, aber feine Umstand, dass Kafka seinen Freund Max Brod vor seinem Ableben darum bittet, von der Publikation seiner fragmentartigen Werke (unter welche auch Der Verschollene zählt) abzusehen. Entgegen Kafkas Wunsch veröffentlicht Brod jedoch alle Fragmente und scheut sich auch nicht, sie noch nach eigenem Ermessen abzuändern
  • Die kritische Ausgabe von Der Verschollene kann als Honorierung des Werk Kafkas angesehen werden. Da in dieser Version die Modifikationen der Originalfassung unterlassen werden, kritisiert man unterschwellig die abgeänderte Form von Max Brod und würdigt zugleich die Ausgabe des Prager Schriftstellers

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