Die Mutter
Gregors Mutter ist eine schwache und alte Frau, die an Asthma leidet. Ihre schwache Verfassung zeigt sich daran, dass sie bei Gregors Anblick in Ohnmacht fällt oder bei dessem letzten Ausbruch aus seinem Zimmer einschläft, während der Vater und die Schwester über dessen Leben und Tod beratschlagen. Sie hat nicht die Kraft, die Familie zu einer Entscheidung zu bewegen und ergreift selten die Initiative, fügt sich fast immer den anderen Familienmitgliedern. Selbst als der Vater kurz davor ist, Gregor mit Äpfeln zu töten, fleht sie um seine Verschonung und fordert sie nicht. Die Mutter ordnet sich also unter und begnügt sich zumeist mit einer passiven Rolle. Sie scheint nicht konfliktfähig zu sein, verzweifelt angesichts der finanziellen Not der Familie und schläft während des finalen Konflikts mit Gregor, wie oben bereits erwähnt, vor Erschöpfung ein, ohne vorher ein Wort gesagt zu haben.
Zu ihrem Sohn hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Nach seiner Verwandlung will sie ihren „unglückliche[n] Sohn“ unbedingt sehen (S. 40), unternimmt aber nicht alles in ihrer Macht stehende, um ihn zu besuchen. Bei seinem Anblick wiederum fällt sie in Ohnmacht. Sie sorgt sich einerseits um ihn und äußert Bedenken, Gregor seine menschliche Vergangenheit zusammen mit seinen Möbeln zu nehmen, wird aber von der Schwester überredet, dass die Entfernung der Möbel gut sei; trotz ihrer Sorge fürchtet sie sich vor ihm, macht ihm aber keine Vorwürfe. Sie sorgt sich mehr um ihn als der Vater, die Betonung von Gregors menschlicher Vergangenheit beweist, dass sie ihn immer noch für ihren Sohn hält, sie zeigt jedoch keinen energischen Einsatz, um Gregors Situation zu verbessern. Dass sie ihn trotz seiner Verwandlung sehen möchte, deutet auf ein liebevolles Verhältnis zu Gregor hin; auch Gregor möchte sie ausdrücklich sehen, doch andererseits sagt Gregor an anderer Stelle, dass nur die Schwester ihm nahe ist (S. 35). Sie versteht Gregor nicht, so meint sie zum Prokuristen sogar, dass Gregor seine Arbeit liebe und keiner Freizeit bedürfe (S. 15), obwohl Gregor seine Arbeit und besonders seinen Chef als Belastung ansieht. Die Mutter kennt ihren Sohn also nicht wirklich.
Nach Gregors Tod sieht seine Mutter froh in die Zukunft und fühlt sich offensichtlich erlöst, da sie mit dem Vater Gott dankt (S. 68). Dies bestätigt noch einmal, dass sie für Gregor nicht nur Liebe empfindet, sondern auch vor ihm Angst hat und ihn als Last betrachtet. Sie steht damit weder auf der Seite Gregors noch völlig auf der Seite des Vaters und der Schwester.