Miller
Miller ist ein 60 Jahre alter Musiker, der sein Geld mit Unterricht und Konzerten verdient. Als „plumper gerader teutscher Kerl“ (S. 11), wie er sich selbst bezeichnet, ist er zwar nicht besonders reich, aber stolz auf das, was er erreicht hat. Stets betont er selbstbewusst die Moral des Bürgertums, die er (wenn auch nur in Abwesenheit von Adeligen) dem in seinen Augen verdorbenen Adel gegenüberstellt. Dennoch achtet er die Ständegesellschaft und erhebt nicht etwa den Anspruch, die Herrschaft des Adels aufzuheben - die Beziehung seiner Tochter zum adeligen Ferdinand ist ihm ein Dorn im Auge, denn sie fällt aus dem gesellschaftlichen Rahmen. Einmal jedoch zeigt er sich dem Adel gegenüber offen ungehorsam. Als der Präsident Luise in seinem Haus eine Hure nennt, beweist Miller trotz seiner Angst vor dem mächtigen Präsidenten Mut und fordert ihn auf, sein Haus zu verlassen. Die Moral ist ihm also wichtiger als die soziale Hierarchie, letztlich ist die Moral das, woran Miller sein Handeln ausrichtet. Das rechte Handeln liegt ihm am Herzen, ebenso die Ehre seiner Tochter Luise. Die Moral erweist sich in Kabale und Liebe als wichtigste Stütze des Bürgertums.
Dekadenz und Reichtum sind ihm suspekt, er will zuerst Ferdinands Geschenk nicht annehmen, da er überzeugt ist, dass man so viel Geld „nicht mit etwas Gutem verdienen“ könne (S. 109). Nimmt er es zwar für seine Tochter doch an, so wirft er es angeekelt von sich, als er erkennt, dass das Geschenk als Bezahlung für das Leben seiner Tochter gedacht war - Geld an sich ist für ihn also wertlos, für ihn ist nur bedeutend, was er für seine Tochter tun kann, die er innig liebt. Stolz ist er besonders darauf, sie zu einem frommen und gottesfürchtigen Mädchen erzogen zu haben, denn das Christentum bildet das Fundament seiner Moralvorstellungen. Dabei übt er durch den Hinweis auf die Religion auch Druck auf Luise aus: Als sie ihm offenbart, sich umbringen zu wollen, warnt er sie vor der Hölle und schreckt Luise so von ihrem Vorhaben ab. Er hat einen großen Einfluss auf das Tun seiner Tochter, die aufgrund dieses Einflusses in einen Gewissenskonflikt gerät.
Man könnte Miller als eine Art liebevollen Patriarchen bezeichnen. Einerseits betont er, dass er der Herr im Haus ist und stellt Ansprüche an seine Tochter, andererseits ist diese Tochter ihm nicht in erster Linie „Untertan“, sondern sein Ein und Alles, sein „Abgott“ (S. 98). Dieses einzige Kind, das er besitzt, bedeutet ihm gar so viel, dass er für sie sogar außer Landes fliehen und seinen Besitz aufgeben würde. Vater und Tochter stehen sich also sehr nah, letztlich ist Luise der Vater wichtiger als Ferdinand. Das Patriarchat des Vaters wird von Luise an keiner Stelle angezweifelt. Andererseits ist Miller aber auch verhältnismäßig liberal: Er will ihr keinen Ehemann aufzwingen, innerhalb ihres Standes darf und soll sie sich selbst einen würdigen Ehemann aussuchen. Das Gesuch Wurms, für ihn ein gutes Wort bei Luise einzulegen, wehrt Miller verächtlich ab. Millers Moralvorstellungen gründen sich also nicht auf mittelalterliches Denken.
Es gibt aber auch eine andere Seite Millers. Bisweilen zeigt er sich sehr grob und ungehobelt, beweist damit seine Herkunft aus „niederen“ Verhältnissen. In Abwesenheit von Adeligen flucht er ausgiebig und derb, seine Frau beschimpft er als dumm und züchtigt sie.