Epoche
Effi Briest ist der Epoche des Realismus zuzuordnen. Das herausragende Werk Fontanes gehört zu den wichtigsten Vertretern realistischer Literatur und beinhaltet zahlreiche sozialpolitische Bezüge, die uns als Leser einen Einblick in die damaligen Gesellschaftsformen und den geschichtlichen Kontext ermöglichen.
Realismus
- Es handelt sich beim Realismus um eine Epoche des 19. Jahrhunderts, die nicht ausschließlich in der Literatur, sondern auch in der Kunst- und Kulturszene im Allgemeinen zu finden ist
- Zeitgeschichtlich ordnet man diese Literaturströmung nach der Romantik und vor den Naturalismus von circa 1848-1890 ein
- Autoren im Realismus machten es sich zur Aufgabe, weniger die Realität darzustellen, als die ästhetisierte Seite der Wahrheit herauszubilden
- Realpoetische Darstellungen repräsentieren eine Wunschvorstellung, beziehungsweise eine ästhetisch aufgearbeitete Version der existenten Realität
- Die Kunst ist es, im Alltäglichen Schönheit und Außergewöhnliches zu entdecken – dafür ist ein genaues und waches Hinsehen nötig
- Man spricht auch vom poetischen Realismus oder dem bürgerlichen Realismus, da sich die Werke in dieser Literaturepoche größtenteils mit bürgerlichen Themen beschäftigen
Historischer und sozialpolitischer Kontext
- Märzrevolutionen 1848: Im Zeitraum von 1848-49 finden europaweit Revolutionen statt, die die Umstürzung der bestehenden monarchistischen Regierungsverhältnisse zum Ziel haben. Auch in Deutschland geschieht eine solche Entladung des Spannungsverhältnisses zwischen Bevölkerung und Hofadel, die sich in der Unzufriedenheit der Bürger und demzufolge den revolutionistischen Denkansätzen äußert. Die Opportunisten sind für eine Wiederherstellung der Verfassung, die von der Krone rigoros abgelehnt wird und unter anderem für die Durchsetzung demokratischer Bürgerrechte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit sowie die Konstitution nationaler, monarchieunabhängiger Staat
- Industrialisierung/Verstädterung: Die zunehmende Urbanisierung in Deutschland kommt durch ein rapides Bevölkerungswachstum im Zeitraum von 1870-1910 zustande. Zahlreiche Familien, die zuvor auf dem Land leben, zieht es in die Städte, da dort die Arbeitsplätze en masse zur Verfügung stehen und stetig neuer Wohnraum geschaffen wird. In deutschen Großstädten wie etwa Berlin oder Nürnberg steigt die Einwohnerzahl um mehrere Hunderttausende an
- Proletariat: Durch die Industrialisierung und die Schaffung neuer Beschäftigungsverhältnisse bildet sich eine neue Bevölkerungsgruppe, nämlich die Arbeiterschicht heraus. Von dem lateinischen Begriff proletarius abstammend meint dieser Ausdruck die unterste Schicht in einem Volk. In der Antike sind diejenigen, die über keinen Besitz verfügen und für ihr Geld arbeiten gehen müssen, das Proletariat. Im 19. Jahrhundert steht der Begriff für etwas Ähnliches: Diejenigen, die nicht dem Adel oder der Krone angehören, müssen arbeiten, um zu überleben und ihre Familie ernähren zu können
- Evolutionstheorie nach Darwin: Im Jahr 1859 publiziert der englischstämmige Naturforscher Charles Darwin seit bedeutendestes Werk On the Origin of Species, zu Deutsch Über die Entstehung der Arten. Die Auffassung des Biologen, alles Lebendige sei aus dem Urschlamm entstanden, widerspricht der damals noch dominanten religiösen Weltauffassung. Auch dass weniger das materielle Vermögen und vielmehr die körperliche Verfassung, also die „Fitness“ des einzelnen Individuums entscheidend ist, traf zunächst auf Widerstand seitens der herrschenden Monarchen. Das Bedürfnis nach logischen und sachlichen Erklärungen in einer ungewissen Gegenwart bietet wissenschaftlichen Erkenntnissen wie Darwins Evolutionstheorie idealen Nährboden
Inhalte und Themen der Literatur im Realismus
- Auch wenn Realismus zunächst einmal nach Auseinandersetzung mit tatsächlichen Fakten klingt, handelt es sich gewissermaßen genau um das Gegenteil. Zwar werden die vorherrschenden Themen des Bürgertums angesprochen, doch eine tiefere Beschäftigung mit den sozialen und historischen Hintergründen bleibt aus
- Der Mensch als Einzelperson tritt in den Vordergrund, etwa in der näheren Beleuchtung von Berufsgruppen wie Händlern, Bauern oder anderen Handwerkergruppen. Letztere werden weitestgehend wertefrei beschrieben und eine tiefere Interpretation dessen, inwiefern die verschiedenen Bevölkerungsschichten von gesellschaftlichen Phänomenen beeinflusst werden, vermieden
- Insbesondere die Strömungen Regionalismus und Historismus lassen sich in der Literatur des Realismus wiederfinden. Der Regionalismus stellt sich in Form einer verstärkten Hinwendung zu heimatbezogenen Themen dar und der Historismus bezieht sich auf bereits Vergangenes, die „gute alte Zeit“
- Die vornehmlich urteilsfreie Beschreibung der existenten Gegenwart zielt darauf ab, dass die Leserschaft sich eine eigene Meinung über eventuelle Missstände und deren tieferen Ursprung bilden soll