9. Vigilie
Das Seltsame und Wundervolle, das Anselmus seit seiner Anstellung bei Lindhorst täglich erlebte, entfremdete ihn von der Realität. Er traf seine Freunde nicht mehr und sehnte sich nur nach Serpentina. Und doch gab es immer wieder Momente, in denen er sich fühlte, als würde Veronika zu ihm treten, ihm ihre Liebe gestehen und ihn vor seiner fantastischen Einbildung warnen. Veronikas Anblick löste eine innere Qual und Zerrissenheit in ihm aus, die er bei einem morgendlichen Spaziergang loswerden wollte. Wie durch eine magische Macht geleitet, kam er bei Konrektor Paulmann an, wo ihn eine fein herausgeputzte Veronika erwartete. Als er ihre Hand küsste, fühlte er plötzlich einen Druck, der wie ein Glutstrom durch sein Innerstes floss und er ließ sich von Veronika zu allerlei Quatsch verleiten. Dabei stieß er Veronikas Nähkästchen um, aus dem ein runder Metallspiegel herausfiel. Veronika kam herbei, schmiegte sich an ihn und blickte mit ihm in den Spiegel. Nach einiger Verwirrung in seinem Inneren fühlte Anselmus plötzlich, dass er immer nur an Veronika gedacht hatte. Er erkannte, dass die Erzählung vom Salamander und der Vermählung mit Serpentina nur die Geschichte war, die er kopiert hatte. „Ja, ja! - es ist Veronika!“, rief er plötzlich und blickte in deren dunkelblaue, sehnsuchtsvollen Augen (S. 75, Z. 21). Er versprach ihr sogar, sie zu heiraten und vergaß darüber völlig, dass er eigentlich zu Archivarius Lindhorst musste. So blieb er bei den Paulmanns, freute sich über den Anblick von Veronika und fühlte sich immer wohler, je länger er sich von den fantastischen Träumen befreit hatte.
Schließlich kam auch Registrator Heerbrand bei Konrektor Paulmann vorbei und brachte Zutaten für Punsch mit. Nachdem Veronika diesen gekocht hatte, wurden die Gespräche schnell munterer. Anselmus aber stieg der Punsch zu Kopf und alles Wunderbare kam zurück. Er versank wieder in seine Träume und die Zerrissenheit zwischen den beiden Frauen. Als Heerbrand mit ihm auf den wunderlichen Archivarius anstoßen wollte, kam Anselmus zu sich und erklärte: „Das kommt daher, verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne Schlange davongeflogen.“ (S. 77, Z. 13-17) Konrektor Paulmann hielt Anselmus daraufhin für verrückt, Heerbrand dagegen gab Anselmus in seinem Rausch Recht und ein irrwitziger Streit entbrannte am Tisch. Dieser wurde erst unterbrochen, als ein kleiner Mann zur Tür herein kam, der Anselmus eine Nachricht von Lindhorst überbrachte und sich beim Gehen als Papagei entpuppte. In innerem Entsetzen flüchtete sich Anselmus in seine Wohnung, wo bald darauf Veronika zu ihm trat, ihn bat, sie nicht mehr so zu ängstigen und ihm lispelnd gute Nacht wünschte. Als er sie umarmen wollte, war die Traumgestalt verschwunden. Anselmus fühlte sich jedoch wieder munter, musste über die Wirkung des Punschs lachen und war froh, dass Veronika ihn von seinem Wahn befreit hatte.
Als er an diesem Mittag durch den Garten von Lindhorst lief, wunderte er sich, wie wenig sonderbar ihm plötzlich alles erschien. Und als Lindhort ihm erklärte, dass er am Abend zuvor selbst als Pfeifenkopf Teil der Punschgesellschaft war, tat Anselmus dies sogleich als Blödsinn ab. Der Student wollte seine Arbeit beginnen, konnte aber kaum ein Zeichen erkennen und tropfte versehentlich mit der Tinte auf das wertvolle Original. Plötzlich erschien ein Blitz, Dampf quoll hervor, ein Sturm begann und die fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders rief: „Wahnsinniger! erleide nun die Strafe dafür, was du im frechen Frevel tatest!“ (S. 81, Z. 29-30) Anselmus wurde ohnmächtig und als er wieder zu sich kam, fand er sich eingesperrt in einer Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst wieder.