Schreibtechnik
Im Folgenden sollen die Schreibtechniken und der Stil des Werks analysiert werden. Anna Seghers arbeitete in ihrem Roman mit vielen modernen Techniken.
Mündlicher Stil
- Der Sprachstil erinnert an eine mündliche Erzählung
- Satzbau und Wortwahl wirken spontan und wenig konstruiert
- Viele Hauptsätze, z.B. „Er saß am Tisch und hörte meinen Berichten schweigend zu. Ich gab mir um seinethalben Mühe. Wozu leuchteten seine Augen?“ (S. 63)
- Nebensätze, aber nur wenig verschachtelt
- Satzbau mit teils schwachen Verbindungen, die wie spontane Gedankenblitze wirken, z.B. „Dann ging ich zu den Binnets hinauf, sie wohnen ja nur fünf Minuten weit“ (S. 69)
- Viele Verben verwendet anstelle von Substantiven
- Aktive Formulierungen statt Passiv-Konstruktionen
Montagetechnik
- In der literarischen Montagetechnik werden textliche Elemente miteinander verknüpft, die eigentlich nicht zusammengehören oder zusammenpassen; inmitten des Leseflusses wird eine fremde, andersartige Textquelle integriert
- Immer wieder lässt Seghers unvermittelt Erzählungen von Mittransitären wie Paul oder dem Legionär in die laufende Handlung einfließen
- Der Ich-Erzähler liest Briefe und Texte, über die er berichtet, z.B. als er in Paris Weidels Koffer öffnet (S. 26 ff.)
- Die verschiedenen Textteile mit unterschiedlichen Inhalten oder Stilrichtungen sollen widerspiegeln, wie vielfältig und kompliziert die moderne Wirklichkeit geworden ist
Kinematografischer Stil
- Wie im Film wechseln sich verschiedene Blickwinkel auf die Handlung ab
- Einige Szenen werden quasi live im Präsens dargestellt
- Andere Passagen werden im Präteritum sachlich berichtet
- Durch den Wechsel der Perspektiven wird Spannung erzeugt
Reportagetechnik
- Eine Reportage ist eine informative Textsorte, die den Leser über einen Sachverhalt aufklären soll
- Bei einer Reportage wird das Thema genau und bildreich beleuchtet, damit der Leser unmittelbar informiert wird
- Anna Seghers gibt dem Leser in ihrem Roman das Gefühl, dass er das Erzählte selbst live miterlebt
- Die subjektiven Beschreibungen des Erzählers, die bildreiche Darstellung vom Hafen von Marseille und die, wie Interviews, eingefügten Gespräche mit Mittransitären schaffen die Atmosphäre eine Reportage, der der Leser zuschauen kann
- Der Bezug auf nachweisbare Fakten, Augenzeugenberichte und Recherchen vermittelt trotzdem Objektivität
Verfremdungseffekt
- Während Seghers den Leser durch die Reportagetechnik quasi live dabei sein lässt, unterbricht sie dies immer wieder mit dem Verfremdungseffekt
- Um den Leser aus dem Mitfühlen herauszulocken und zum kritischen Nachdenken anzuregen, wird beim Verfremdungseffekt die Handlung durch eingefügte Kommentare oder Zeitsprünge unterbrochen
- Seghers stört die lineare Handlung mehrfach durch Rückblenden auf die Flucht des Erzählers oder seiner Lagerkollegen; damit macht sie bewusst auf die Kriegsproblematik aufmerksam
Fiktive Erzählung eines Zeitzeugen
- Der Erzähler positioniert sich als Zeitzeuge, der einem fiktiven Zuhörer seine Erlebnisse berichtet
- Er spricht immer wieder den Leser/Zuhörer an, z.B. „Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, dass dieses Gefühl uns trog“ (S. 37)
- In der englischen Geschichtstheorie etablierte sich der Begriff „Oral History“ für eine freie Zeitzeugen-Befragung
Unmittelbarkeit
- Es wird ohne Distanz berichtet
- Der Erzähler spricht über seine eigenen Erlebnisse
- Direkte Figurenrede, z.B. „Er rief: ‚Verstehen Sie das nicht?‘ Ich sagte: ‚Nein.‘“ (S. 52)
Fragile Ich-Perspektive
- Der Ich-Erzähler ist nicht immer zuverlässig
- Der Erzähler wechselt stellenweise seine Meinung und gesteht Wissenslücken ein, z.B. dass er nach der ersten, versuchten Abfahrt des Arztes nicht wusste, was Marie dachte (S. 191)
- Transhistorische Passagen mit allgemeinen zeitgeschichtlichen Informationen passen nicht zu einer reinen Ich-Perspektive, z.B. wenn der Legionär ausführlich über seine Zeit in der Wüste und die Verleihung der Orden berichtet (S. 227 ff.)