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Danton

Der Protagonist

Da das Drama nach ihm betitelt ist und es um die Geschehnisse um seinen Tod herum geht, ist Danton die Schlüsselfigur von Büchners Werk. Für seine Bedeutung sprechen auch die Komplexität seines Charakters und die Entwicklung, die er im Dramenverlauf macht. Manche Wissenschaftler vermuten, dass Büchner den Charakter Danton zum Teil das aussprechen ließ, was er selbst dachte, dass Danton also einerseits eine historische Person, andererseits aber auch das literarische Sprachrohr Büchners ist. Dies wird damit begründet, dass Danton an vielen Stellen seine nihilistische Sicht auf das Leben und die Idee des Geschichtsfatalismus darlegt. Danton muss daher nicht nur als Charakter, sondern auch als Träger der Bedeutung des Dramas bewertet werden.
Danton ist ein extrem vielschichtiger und teilweise auch widersprüchlicher Charakter. Er ist zwar die wichtigste Person, aber nicht der Held des Dramas. Die Ikone der Revolution wird von Büchner nicht idealisiert, sondern mit ihren Schwächen und Stärken gezeigt. Zur Übersichtlichkeit und aufgrund des erheblichen Unterschieds konzentriert sich diese Charakterisierung auf die zwei wesentlichen Facetten von Dantons Charakter: Er tritt uns als Privatmann und als Politiker gegenüber.
Der Privatmann Danton liebt den Genuss über alles. Die Zeit vertreibt er sich mit Kartenspielen
(Akt 1, Szene 1) oder in der Anwesenheit von Prostituierten (Akt 1, Szene 5); Alkohol trinkt er zwar im Verlauf des Dramas keinen, doch die Tatsache, dass er Robespierre vorwirft, sich niemals betrunken zu haben (vgl. S. 25), beweist, dass er auch den Alkoholrausch genießt. Ein Moralempfinden fehlt Danton. Für ihn gibt es nichts grundsätzlich Gutes oder grundsätzlich Schlechtes, sondern er sieht die Lust und den Spaß als die wahren Beweggründe menschlichen Handelns. Er ist somit ein Anhänger der Philosophie Epikurs, der im Vergnügen den Sinn des menschlichen Lebens verankert sah. Korruption und Prasserei sind für ihn nicht verwerflich, sondern legitime Wege zum eigenen Vergnügen (vgl S. 26)}. Die Untreue zu seiner Frau - die Aufforderung „Du könntest deine Lippen besser gebrauchen“ (S. 19), die er der Grisette Marion gegenüber äußert, ist eindeutig ein sexuelles Angebot - erzeugt keinerlei Schuldgefühle in Danton. Tatsächlich kommt diese niemals zur Sprache. Danton denkt gar nicht über diese nach, seine Frau weiß wohl nichts davon. Von Tugend und Sitte hält Danton gar nichts, das Laster hält er für ebenso wertvoll. Er stellt die Tugend als Mittel zum Lustgewinn dar (sie gibt ein „ganz behagliches Selbstgefühl“ (S. 79)), womit sie letztlich demselben Ziel dient wie das Laster.
Danton lebt also mit einem gewissen Stolz und mit einem Gefühl der Rechtmäßigkeit ein dekadentes, auf Genuss abzielendes Leben außerhalb der geltenden gesellschaftlichen Moral. Er begründet seine Ausschweifungen mit der philosophischen Ansicht, dass es keine Moral gebe. Da jeder Mensch nach seiner Natur handele, verachtet er keinen, der für seinen Spaß lebt, egal, wie er diesen gewinnt. Die einzige Regel, die es bei ihm im gesellschaftlichen Leben gibt, ist, dass man den anderen nicht den Spaß verderben dürfe. So entzieht er sich selbst jeglichem sozialen Verantwortungsgefühl - während er sich die Zeit mit Prostituierten und Kartenspiel vertreibt, hungert das Volk auf den Straßen, muss sich prostituieren, um zu überleben. Danton ist der Nutznießer dieses Zwangs zur Prostitution, denn die Grisetten, mit denen er sich umgibt, sind nichts als Angehörige der Unterschicht, die sich zusätzliches Geld durch den Verkauf ihres Körpers verdienen.
Überaus merkwürdig mag es erscheinen, dass ein ehemaliger Held der Französischen Revolution sich aus der Politik zurückgezogen hat und nur noch seinen Genüssen frönt. Der Grund für Dantons Ansichten lässt sich auf einen psychologischen Konflikt zurückführen, denn Danton war nicht immer so wenig interessiert an der Politik. Es muss einen Bruch in seinem Leben gegeben haben, der ihn zu dem gemacht hat, der er nun ist. In der Tat zeigt sich hinter der Fassade des frohen Lebemanns, die sich umso weiter auflöst, je mehr Danton mit seinem baldigen Tod konfrontiert wird, eine verletzte und enttäuschte Seele. Die erheblichen Selbstzweifel offenbaren sich im wohl intimsten Moment des Dramas: beim nächtlichen Gespräch Dantons mit Julie. Die Vergangenheit belastet ihn so sehr, dass er sich erst des Nachts an sie erinnert und in einer Halluzination denkt, dass jemand „September“ schreie. Die Erinnerung bringt den sich sonst so selbstsicher und stark gebenden Danton zum Zittern. Im September 1793 tolerierte er als Justizminister die willkürliche Hinrichtung von etwa 1300 Gefangenen. Auf diese Tat ist er nicht stolz, sie bereitet ihm ein schlechtes Gewissen, mit dem er meint, nicht leben zu können (vgl. Akt 2, Szene 4). Die Verunsicherung und die Schuldgefühle möchte er verdrängen, im Gespräch mit Julie stellt er sie als „Notwehr“ (S. 42) dar.
Die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit löst Danton also auf inkonsequente Art und Weise. Die Rechtfertigung als Notwehr ähnelt der Rhetorik Robespierres, der die zahlreichen Exekutionen ebenfalls als Notwehr betrachtet. Anstatt sich seinem Gewissen zu stellen und die Schuld durch politisches Engagement zu bewältigen, geht Danton den direkt entgegengesetzten Weg. Er verdrängt sein Gewissen, zieht sich aus der Politik zurück, lebt nur noch im Genuss, um sich die Zeit zu vertreiben und nicht mehr an die Politik denken zu müssen. Lieber verneint er die Moral, als sich als unmoralischen Menschen zu sehen. Sein Lebenswandel ist in Wahrheit also die Verarbeitung seines schlechten Gewissens. Da er für die Septembermorde verantwortlich ist und er nicht helfen konnte, möchte Danton lieber in Ruhe leben, als sich einzumischen. Aus der Erfahrung als Mörder und als inkompetenter Politiker speist sich auch sein Weltbild.
Danton strebt nach der Ruhe und dem Genuss, um sich vom Leid der Welt abzulenken. Er hat keine Hoffnung, die Geschichte ändern zu können, denn er sieht sich als ein Instrument an, wie ein Automat, der nur den Zweck erfüllen kann, für den er geschaffen wurde. Danton ist demnach ein Geschichtsfatalist: Der Lauf der Welt ist für ihn unabwendbar, der Einzelne kann sein Schicksal nicht ändern. Als Politiker muss ihm diese Erkenntnis andauernd bewusst gewesen sein, weshalb er sich aus ihr zurückzog, um mit seiner eigenen Unwichtigkeit nicht konfrontiert zu werden. In der Ruhe und im Genuss will er sein Leben verbringen, wenn er schon in ihm keinen höheren Sinn entdecken kann. Die Sinnsuche und das Scheitern beim Erlangen eines Lebenssinns macht zudem die psychologische Krise Dantons aus. Das Gespräch mit der Grisette Marion verdeutlicht sein Lebensgefühl, begeistert stimmt er dieser zu und will sich in ihr auflösen, eins mit ihr werden. Sie formuliert seine Ansicht aus, dass der Mensch seiner Natur gemäß nach dem Wohlbefinden strebt. Marion ist von einem „ununterbrochene[n] Sehnen“ (S. 20) erfüllt. Einerseits bedeutet dies ihre unstillbare Leidenschaft, andererseits aber auch ihre Sehnsucht nach Erfüllung. Dantons genussvolles Leben erhält zusätzlich die Bedeutung einer Suche nach dem Sinn des Lebens.
Dantons Sehnsucht nach einem Sinn wird aber nicht erfüllt, er sieht sich als Nihilist. Daher verneint er die Moral wie auch den höheren Sinn des Lebens. Er äußert sich an vielen Stellen abfällig über den Menschen und die Existenz. Bereits zu beginn des Dramas sieht er den Menschen als einsames Wesen, das auf sich selbst beschränkt bleibt (vgl. Akt 1, Szene 1). „Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen worden, es fehlt uns was“ (S. 32), meint er. Dies verdeutlicht seine Sinnsuche und das Scheitern derselben. Der Mensch hat ein grundsätzlich unbefriedigendes Leben. Wie ein Schauspieler möchte er sich selbst darstellen, wobei das Leben nur wenig wirkliche Substanz hat und nicht wertvoll genug ist, um es mit aller Kraft zu erhalten (vgl. S. 33). Aufgrund des unabänderlichen Schicksals ist jede Aktivität also sinnlos. Der nach eigenen Aussagen atheistische Danton hat keine Hoffnung auf eine Erlösung. Den Tod wünscht er sich - zumindest aus der Ferne, wie er in der vierten Szene des zweiten Akts zugibt -, um von seinem Gewissen und der Sinnlosigkeit des Daseins befreit zu werden. Doch der Tod ist für ihn auch ein Teil der Welt, einer großen Fäulnis, in der jeder sterben muss. Letztlich bedeutet auch der Tod Unterwerfung unter das Prinzip des Lebens, an dessen Ende nun mal der Tod steht.
Die Todessehnsucht Dantons scheint widersprüchlich zu seinem sonst von Genuss erfüllten Leben zu sein, doch dem ist nicht so. Epikur, sein geistiges Vorbild, betrachtete den Selbstmord durchaus als legitim, wenn er angenehmer sei als das Leben. Für Danton bedeutet der Tod in erster Linie ebenfalls Befreiung vom Leid der Welt. Dabei ist Danton nicht so todessehnsüchtig, wie er sich darstellt. In der bereits erwähnten vierten Szene des zweiten Aktes vermutet er, dass er den Tod nur deshalb als angenehm betrachtet, da er nicht kurz vor ihm steht. Zudem kann er es sich noch nicht vorstellen, zu sterben. Später, kurz vor seiner Hinrichtung, zeigt sich, dass Danton durchaus Angst vor dem Tod empfindet. Er fühlt die Wände auf sich zukommen, vom Tod immer mehr umfasst. Er bekundet, dass es „elend“ sei, sterben zu müssen (S. 73). Auch empfindet er so etwas wie Torschlussangst: „Ich lasse alles in einer schrecklichen Verwirrung. Keiner versteht das Regieren.“ (S. 77)
Danton steht seinem Tod in Wahrheit unentschlossen gegenüber. Einerseits wünscht er ihn sich, andererseits hat er Angst vor ihm und will noch nicht sterben. Der eigentlich feste Charakter Dantons wird in der psychischen Ausnahmesituation vor der eigenen Hinrichtung brüchig. Damit entwickelt sich die Person Danton sehr stark: Der Lebemann wird zum Todessehnsüchtigen, der die Ambition aufgegeben hat. Dann jedoch erwacht die Angst vor dem Tod und der Drang, doch noch etwas zu bewirken. Durch alle Veränderungen hindurch bleibt aber Dantons Verachtung für das Leben gleich, sodass er am Ende schließlich feststellt: „Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott ...“ (S. 80)
Der Politiker Danton scheint dagegen ein völlig anderer Mensch zu sein. Der Politiker zweifelt nicht an sich und seiner Wichtigkeit, er ist stets selbstsicher, eloquent und verwendet eine aggressive Rhetorik. Eigentlich ist Danton entzweit mit seinem politischen Leben. In der ersten Szene des ersten Aktes will er mit der Politik „der anderen“ nichts zu tun haben, sein Konflikt mit Robespierre entspringt nicht aus politischer Opposition, also der Ablehnung der Konzepts Robespierres, sondern aus der Verachtung von Robespierres Moralaposteltum. Ein politisches Bewusstsein besitzt er dennoch. Er verteidigt sich auch deshalb nicht, weil er denkt, dass sein Name und sein Ruf beim Volk Robespierre von einer Anklage abhielten. Nur durch die Aufforderung seiner Freunde wird er wieder politisch aktiv, indem er sich Robespierre in einem Gespräch stellt. Wohl fließt darin die Sorge ein, seine Freunde mit sich in den Tod zu reißen.
In der Öffentlichkeit und gegenüber seinen politischen Gegnern stellt sich Danton als ein Mensch dar, der von jeglicher Unsicherheit befreit ist. Das Gewissen stellt Danton im Gespräch mit Robespierre als etwas Lächerliches dar, „vor dem ein Affe sich quält“ (S. 25). Im Gegensatz dazu quält ihn sein Gewissen, wenn er allein ist, doch zeigt er dies nur seinen Freunden und seiner Frau. Der eher defensive und auf Fröhlichkeit und Ruhe bedachte Danton wird in der Konfrontation mit seinen Gegnern zu einem aggressiven Redner. Robespierre unterstellt er Mord und behauptet in sarkastischen und verletzenden Worten, er habe Robespierre „die Absätze [...] von den Schuhen“ (S. 26) getreten, womit er dessen Tugend meint, mit der er sich als edler Mensch profilieren möchte. Vor dem Revolutionstribunal kehrt er die Anklage um. Statt sich zu verteidigen, beruft er sich auf seine heldenhaften Taten, bezeichnet sich als den Retter des Vaterlandes und beschimpft seine Ankläger als Verleumder und Diktatoren (vgl. Akt 3, Szene 4 und Szene 9). Das Bild von sich als Helden hält er aufrecht, auch wenn er privat das Heldentum verneint. Dies tut er, um das Volk auf seine Seite zu bringen und gegen Robespierre aufzuwiegeln. Es gelingt ihm letztlich aber nicht, da sich sein Lebensstil erheblich von dem des Volkes unterscheidet und so dessen Zorn erregt.
Sein Widerwillen gegenüber der Politik und sein gänzlich anderer Charakter weisen darauf hin, dass der Politiker Danton in Wahrheit nur eine Rolle seiner selbst ist. Er stützt sich auf das Bild, das das Volk von ihm hat, beruft sich auf seine frühere Taten. In Wahrheit hat sich der Mensch Danton aber weiterentwickelt, sieht sich nicht mehr als Helden an. Er benutzt seinen Ruf, um seine Hinrichtung hinauszuzögern oder um seine Ankläger zumindest zu verunsichern. Als Politiker ist er geschickt, er weiß es, seine Sprache einzusetzen, um sich als einen Helden und den Wohlfahrtsausschuss als Schurken darzustellen. Aufgrund des Geschichtsverlaufs kommt sein Einsatz aber zu spät, sodass er am Ende doch hingerichtet wird.
Kurz vor seinem Tode erwacht noch einmal der Politiker in ihm, also der Willen, auf die Politik einzuwirken. Die bereits erwähnte Torschlussangst zeigt, dass er leben möchte, um Frankreich nicht seinen Henkern, die er für unfähig hält, zu überlassen. Auch tröstet er sich mit der Vorstellung, dass er selbst im Tod durch sein Andenken den Despotismus auslöschen könne. Danton, der seinen Tod kommen sieht, versucht, einen Sinn in seinem Leben zu erkennen, er rechnet damit, Robespierre mit in den Tod zu ziehen. Der Zweifel bricht sich aber wieder Bahn, sodass ihn der Gedanke erschreckt, er leide und sterbe für das Schicksal.
Als Fazit lässt sich sagen, dass Danton ein Charakter mit vielen Facetten ist, die sich teilweise widersprechen. Diese Widersprüche entspringen dem schlechten Gewissen, das er wegen seiner früheren Taten empfindet. Er ist weder gut noch böse. Zwar ist er untreu und genusssüchtig, doch auch friedlich, er will keinen Menschen töten und sein Lebenswandel ist schließlich die Konsequenz einer Identitätskrise. Das widersprüchliche Verhalten kurz vor seinem Tod demonstriert nicht seine Charakterschwäche, sondern wie der Gedanke an den Tod den Menschen verändert. Danton wird von Büchner nicht als eine außergewöhnliche Person gezeigt, die das Schicksal der Welt verändert, sondern als Mensch.

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