Blankvers
Die letzte Fassung von Iphigenie auf Tauris verfasste Goethe beinahe vollständig in reinen Versen, den sogenannten Blankversen.
Blankvers Merkmale
- Der Blankvers gilt als klassischer dramatischer Vers
- Typisch für die Werke von Shakespeare
- Das Wort stammt vom englischen „blank“ ab und meint „unverziert“ bzw. ohne Reim
- Ungereimter, fünfhebiger Jambus, abwechselnde Hebungen und Senkungen
- Männliche (betont) und weibliche (unbetont) Kadenzen bzw. Vers-Enden möglich
- Bewegliche Zäsur, gedankliche Pausen können an beliebigen Stellen vorkommen
- Sätze gehen über mehrere Zeilen, die mit Enjambements verbunden sind
- Mehrere Sprecher können innerhalb eines Verses zu Wort kommen
- Beispiele:
Männliche Kadenz, zehn Silben: „wie in der Göttin stilles Heiligtum“xXxXxXxXxXxXxXxXxXxX (Aufz. 1, Auft. 1, Z. 4)
Weibliche Kadenz, elf Silben: „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel“xXxXxXxXxXx (Aufz. 1, Auft. 1, Z. 2)
Funktion und Wirkung
- Durch die lose Form kann die Sprache sich an Prosa annähern
- Der Sprecherwechsel innerhalb des Verses ermöglicht eine dynamische Sprache
- Die freie Zäsur gibt dem Autor mehr Flexibilität, Spannung aufzubauen
- Durch die einheitliche Verwendung des Blankverses sind alle Sprecher auf dem gleichen Sprachniveau
- Der ungereimte, fünfhebige Jambus lässt die Sprache verfremdet wirken
- Die ästhetische Form der Sprache ist wichtiger als der Inhalt, wodurch einige Formulierungen schwer verständlich erscheinen
- Die hohe ästhetische Form der Sprache schafft den Eindruck von Vollkommenheit, die Iphigenie als idealisierte Figur erscheinen lässt
Abweichungen vom Blankvers
- Orests Wahn und Erwachen (3. Aufzug)
Bruch mit dem fünfhebigen Jambus, z.B. „Der Mutter Geist“ (Aufz. 3, Auft. 1, Z. 152) steht zwischen zwei Blankversen - Parzenlied (4. Aufzug, 5. Auftritt)
Lyrische Form: Sechs Strophen mit unterschiedlicher Verszahl, die von drei Versen unterbrochen werden
Kein Reimschema und ein freies Metrum; lediglich einige Jamben erkennbar und die Kadenzen wechseln regelmäßig - Thoas‘ Abschied (5. Aufzug, 6. Auftritt)
„Lebt wohl!“ (Aufz. 5, Auft. 6, Z. 166) beendet das Drama als zweisilbiger Vers ohne Abschluss - Die Abweichungen setzte Goethe immer ganz bewusst an Stellen, an denen die Sprecher sehr emotional sind; die auffallend andere Versform hat damit eine Ausdrucksfunktion