Die sozialkritische Interpretation
Die sozialkritische Interpretation liest Die Verwandlung als Text, der sich mit der Verfassung der damaligen Gesellschaft auseinandersetzt. Die Darstellung des Konflikts zwischen Söhnen und ihren Vätern ist ein häufiges Element von Kafkas Texten und muss nicht psychoanalytisch gedeutet werden. Der Kampf des Sohnes gegen den Vater kann auch als gesellschaftlicher Kampf gedeutet werden: Die neue Generation lehnt sich gegen die alte auf, sie will eine neue Gesellschaft erkämpfen und die konservativen Väter ablösen.
In dieser Lesart ist Die Verwandlung eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit der Gesellschaft. Schon bevor Gregor sich verwandelt, ist er eine unfreie, unterdrückte Persönlichkeit, das Opfer von Ungerechtigkeit. Sein Chef ist überheblich und verlangt völligen Einsatz, ansonsten feuert er seine Angestellten direkt: „Wenn ich zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurückgehe, sitzen diese Herren [andere Handelsreisende] erst beim Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der Stelle hinausfliegen.“ (S 8) Der Chef ist ein Kapitalist im kompromisslosen Stil: Entweder sorgt Gregor für unablässige Erfolge durch Aufgabe seines Privatlebens, oder er wird gefeuert. Der Chef ist ein skrupelloser Arbeitgeber, der seine Macht demonstriert, er hat ein Regime errichtet: Der Geschäftsdiener ist „eine Kreatur des Chefs“ (S. 9). Gregor ist an diesem Morgen zum ersten mal nicht bei der Arbeit erschienen und sofort stattet ihm der Prokurist einen Besuch ab, um nachzuforschen. Er droht ihm sogar mit Kündigung - untragbare Arbeitszustände. Gregor entfremdet sich von sich selbst, weil er durch die finanzielle Not seiner Familie gezwungen ist, sich für einen Beruf zu opfern, den er verabscheut. Gregor verwandelt sich, weil er unterdrückt wird. Seine Krankheit kommt nicht von innen, sondern ist das Produkt der Moderne. Im Kapitalismus dieser Zeit ist der Mensch gezwungen, sich für seine Arbeit aufzuopfern, da er unter gesellschaftlichem Druck steht. Auf der Arbeit sollte der Mensch eigentlich wohl fühlen, doch hier entfremdet Gregor sich von seiner Arbeit, die aber sein zentraler Lebensinhalt ist. Folglich entfremdet er sich auch von sich selbst. Die Orientierung der Arbeit am Erfolg zerstört ihn, die modernen Arbeitsbedingungen richten den Menschen zugrunde. Er ist zugleich gefangen und von sich selbst entfremdet. Die Verwandlung ist also als Kritik am modernen Kapitalismus lesbar.
Die Familie Samsa wird von den Anhänger dieses Deutungsansatzes als Beispiel für das damalige (Spieß-) Bürgertum überhaupt angesehen. In ihr zeigen sich typische Züge des damaligen Bürgertums, wie das Patriarchat des Vaters, aber auch die beginnende Emanzipation der Frau (repräsentiert durch Grete). Das Bürgertum, das den Großteil der Gesellschaft ausmacht, ist insgesamt aber von Einschränkung und Unfreiheit geprägt. Das zeigt sich schon an der Raumstruktur: Zu Gregors Zimmer führen drei Türen, er ist von seiner Familie gewissermaßen umzingelt. Eine Existenz unabhängig und außerhalb der Familie ist ihm so nicht möglich, sein Privatleben bleibt auf der Strecke. Die Familie lässt ihm keine Freiheit, sich zu entwickeln, denn sie erwartet, dass Gregor für sie alles aufgibt. Sie baut einen unglaublichen Druck auf, sodass Gregor es als seine einzige Aufgabe (und sogar sein Ziel) sieht, sie zu ernähren. Gregor wird von seiner Familie schamlos ausgenutzt. Die Familie hintergeht ihn und spart sein Geld heimlich an, anstatt die Schulden zu bezahlen, sodass sich „der große Schnitt“ (S. 9) weiter in die Zukunft verschiebt. Nicht einmal besonders dankbar ist ihm die Familie. Gregor ist paradoxerweise auch in der ihn einschränkenden Familie fremd, die sein Leben bestimmt. Die Verwandlung könnte also eine Kritik am Bürgertum sein, das die Aufgabe des Lebens außerhalb der Familie fordert, während es dem Individuum nicht einmal innerhalb der Familie eine Möglichkeit zur Entfaltung gibt. Kein Wunder also, dass Gregor mit seinem Leben unzufrieden ist und der Fensterblick ihm das Gefühl von Freiheit gibt, denn er repräsentiert den Ausbruch aus der Familie.
Kopf der Familie und damit Repräsentant der gesellschaftlichen Verhältnisse ist der Vater. Daher vollzieht sich der Kampf Gregors mit der Gesellschaft vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Vater. Die Verwandlung ist hier sehr pessimistisch, denn Gregor wird durch den Vater (und die Schwester) gerichtet. Das Alte, Diktatorische siegt, das als grausam und gewalttätig charakterisierte Patriarchat triumphiert. Gregor ist ein Außenseiter und hat keine Chance, Freiheit und Anerkennung zu erlangen. Er ist als Insekt von der Gesellschaft ausgegrenzt und gleichzeitig von sich und der Umwelt entfremdet. Gregor hat keinen Halt, die Gesellschaft lässt ihm keinen Raum für eine selbständige Identität. Dass die Schwester seine Möbel hinausräumen will, ist keine selbstlose Tat sondern soll Gregor seiner Identität berauben. Später wird sein Zimmer zur Abstellkammer, was die Verachtung zeigt, die die bürgerliche Gesellschaft für Gregor empfindet. Seine Wünsche sind nicht der Rede wert, an sie denkt man dabei nicht einmal.
Diese Lesart stellt die Gesellschaft dem zu einem Ungeziefer verwandelten Gregor gegenüber. Die Verwandlung erreicht dadurch einen satirischen Effekt: Denn das nach Definition nutzlose, primitive Ungeziefer ist menschlicher (nämlich rücksichtsvoller) als die bürgerliche Gesellschaft, die damals als Bewahrer christlicher Werte und damit des Guten galt. Tatsächlich ist diese Familie, die nach Gregors Tod Gott dankt, in ihrem Verhalten sehr unchristlich. Mitleid ist ihr fremd, sie nutzt Gregor als Geldverdiener aus, die Familie ist ein Abhängigkeitsverhältnis und eine Nutzgemeinschaft, deren höchster Wert Profit ist und nicht Liebe. Sie folgt dem Sozialdarwinismus. Darwin beschrieb in seiner Evolutionstheorie, dass im Tierreich der am besten Angepasste den schlechter Angepassten verdrängt. Er warnte jedoch davor, das auf die Gesellschaft zu übertragen. Entgegen seiner Warnung taten dies viele ab Ende des 19. Jahrhunderts: Das Schwache sollte sterben, da es keinen Nutzen hatte, wer Erfolg hatte, war dagegen im Recht. Moral kann in diesem Zusammenhang nicht existieren, denn nur der Nutzen ist ein Wert. Die Familie sieht sich demnach im Recht, den nun nutzlosen Gregor fallen zu lassen, sich kaum mehr um ihn zu kümmern und am Ende loswerden zu wollen. Nächstenliebe gibt es hier nicht, das Schwache (Gregor) soll verschwinden. Die Erzählung zeigt also die Verrohung der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die weniger menschlich ist als das Insekt. Grete nutzt die Verwandlung ihres Bruders aus, um ihn zu verdrängen. Ihm weint man keine Träne nach.
Die Verwandlung steht als Metapher für die Unterdrückung Gregors, der von seinem Umfeld nicht geschätzt wird. Das Fremdbild wird so zu seinem Selbstbild, er sieht sich als Ungeziefer, was sich als fatal erweist. Zudem verweist die Gestalt Gregors für seine Entfremdung von der Gesellschaft, denn er ist so von der Menschheit insgesamt ausgeschlossen - der, der zu nichts nutze ist, gilt nicht einmal mehr als vollwertiger Mensch. Folgt man diesem Deutungsansatz, so ist Die Verwandlung eine scharfe Kritik an der Unmenschlichkeit der Moderne, in der das Individuum seine Persönlichkeit verliert und zum Opfer einer sozialdarwinistischen Gesellschaft wird, die trotz aller zivilisierten Oberfläche barbarische Verhaltensweisen zeigt.