Glaube
Im Werk Michael Kohlhaas greift Kleist immer wieder religiöse Bezüge auf. Der Protagonist als christlicher Mann zieht immer wieder seinen Glauben zur Legitimation seines Rachefeldzuges heran. Am Ende erkennt er seine Schuld.
Glaube als Legitimation
- Michael Kohlhaas wird als Christ eingeführt; er ist religiös, erzieht seine Kinder „in der Furcht Gottes“ (Abs. 1, Z. 9) und glaubt an Gottes Macht, indem er sagt „Gott hat mich mit Weib und Kindern gesegnet“ (Abs. 3, Z. 203)
- Auch seine Ehefrau Lisbeth ist religös; als Kohlhaas sich gegen den Betrug des Junkers Wenzel von Tronka wehren will, nennt sie das ein „Werk Gottes“ (Abs. 2, Z. 172)
- Anders als Michael Kohlhaas erkennt seine Frau, dass er mit seinem Kampf aufhören sollte, um nicht selbst schuldig zu werden; kurz vor ihrem Tod bittet sie ihn mit einer Bibelstelle darum, seinen Feinden zu vergeben (Vgl. Abs. 4)
- Kohlhaas ist nicht dazu in der Lage, zu vergeben; stattdessen deutet er christliche Werte um und legitimiert seinen Kampf damit, nennt sich sogar „Engel des Gerichts“ (Abs. 4, Z. 87)
- In seinem Mandat nennt der Pferdehändler den Junker Wenzel von Tronka „allgemeiner Feind aller Christen“ (Abs. 5, Z. 10); Kohlhaas selbst sieht sich also noch immer als guten Christen an
- Außerdem erklärt er, dass er nur „Gott allein unterworfen“ sei (Abs. 5, Z. 12); damit sagt er aus, dass er sich der Autorität des Staates nicht länger verpflichtet fühlt; Kohlhaas macht sich so quasi selbst zu einem alleinigen Herrscher
- In einem weiteren Mandat geht Kohlhaas noch weiter und nennt sich „Statthalter Michaels, des Erzengels“ (Abs. 5, Z. 178); er sieht sich als Rächer für alles Böse und Ungerechte; sein eigenes Leid projiziert er auf die gesamte Gesellschaft
- Um seine Mandate zu verbreiten, schlägt Kohlhaas diese hauptsächlich an Kirchentüren an, dies zeigt, welche Bedeutung er der Kirche noch immer zuschreibt; gleichzeitig aber brennt er auf seinem Rachezug auch Kirchen nieder
- Auf dem Höhepunkt seines Rachefeldzuges stilisiert sich Kohlhaas mit einem Cherubsschwert und einer Begleitung von zwölf Knechten als Wächter des Paradieses bzw. als Jesus (Vgl. Abs. 6)
- Erst ein Brief von Martin Luther kann Michael Kohlhaas entwaffnen; Luther ist für den Pferdehändler ein „hochwürdiger Herr“ (Abs. 6, Z. 103)
- Als er Martin Luther besucht, hält sich Kohlhaas trotz all seiner Taten immer noch für einen guten, gerechten Menschen, der gezwungen wurde, so zu handeln; er erklärt dem verängstigten Luther, dass er „unter den Engeln nicht sicherer“ sei als bei ihm (Vgl. Abs. 6, Z. 92 f.)
- Kohlhaas bittet Luther nach dessen Hilfsangebot um die Beichte und das heilige Sakrament, weil er durch seinen Rachefeldzug an Pfingsten die Kirche verpasst hat (Vgl. Abs. 6); als Luther im Gegenzug dafür Vergebung für den Junker Wenzel von Tronka fordert, willigt Kohlhaas nicht ein und maßt sich einen Vergleich mit Gott an: „Der Herr auch vergab [nicht] all seinen Feinden“ (Abs. 6, Z. 193 f.)
- Kurz vor seiner Hinrichtung empfängt Kohlhaas im Gefängnis den Theologen Jakob Freising als Abgesandten Luthers sowie zwei Geistliche und erhält die heilige Kommunion (Vgl. Abs. 13); vom Glauben hat er sich bis zuletzt nicht abgewandt
Schuldeingeständnis
- Von einem guten Christen mit großem Rechtsgefühl hätte man ein Schuldeingeständnis schon viel früher erwartet als bei Michael Kohlhaas der Fall; er erkennt erst am Ende des Werkes, dass er selbst zum Täter geworden ist
- Während seines Rachefeldzuges fühlt sich Kohlhaas vom Staat im Stich gelassen und dadurch zu seinen Taten gezwungen; außerdem stilisiert er sich als gottgleicher Richter über Gut und Böse; sein eigenes Unrecht hat er in all der Zeit nicht erkannt
- Erst durch das Gespräch mit Luther beginnt langsam der Sinneswandel, weil dieser ihm auch dazu verhilft, seine Angelegenheit doch noch vor Gericht zu bringen
- Als er nach Berlin gebracht wird, leistet Kohlhaas keinen Widerstand; er hat sich seine Schuld endlich eingestanden
- Kohlhaas als gläubiger Mensch will endlich Sühne leisten für seine Taten; sein Todesurteil nimmt er ohne Gegenwehr an
- Mit seinem Schuldeingeständnis und dem Wissen, dass er seine Sünden büßt durch das Todesurteil, geht es Kohlhaas besser; er verbringt seine letzten Tage in „Ruhe und Zufriedenheit“ (Vgl. Abs. 13)
- Eine letzte Rache, indem er vor den Augen des Kurfürsten von Sachsen die Weissagung herunterschluckt, kann er sich trotz allem nicht verkneifen; wendet sich daraufhin aber direkt zum Schafott