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Faust

Die große Frage des Werks, die sich der Protagonist auch selbst stellt, lautet: Wer ist Faust? Heinrich Faust ist ein Mann im fortgeschrittenen Alter, Doktor der Philosophie, der Jura, der Medizin und der Theologie, früherer Arzt und Alchimist, angesehener Bürger mit adligem Blut und insgeheim auch Magier. Faust hat also zu Beginn des Dramas eine beachtliche und von vielen Veränderungen und verschiedensten Tätigkeiten geprägte Karriere hinter sich, doch ist er keineswegs mit dem, was er erreicht hat, zufrieden. Mephisto gibt uns eine kurze Charakterisierung: „Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne / Und von der Erde jede höchste Lust, / Und alle Näh und alle Ferne / Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“ (V. 1, Z. 89-92)
Faust ist keiner, der sich mit seinem Leben zufrieden gibt, sondern ein rastlos Strebender, der auf der Suche ist nach den größten sinnlichen Begierden wie nach der ultimativen Wahrheit: dem, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“ (Sz. 1, Z. 34 f.). Keine Erkenntnis ist ihm genug (weshalb er neben den akademischen Wissenschaften auch die Magie betreibt), keine fleischliche Lust befriedigt seine Begierde nach mehr - ein wahrer Größenwahn, der zum Scheitern verurteilt ist.
Er nennt sich selbst einen „Flüchtling“, einen „Unmensch ohne Zweck und Ruh“ (Sz. 14, Z. 176, 177). Sein höchstes Ziel ist die Befriedigung seiner Sehnsüchte, die Totalerkenntnis des Universums, das Erlangen allen Wissens und das Genießen sämtlicher Gelüste. Dies ist der Grund für seine immerwährende Unzufriedenheit: Faust empfindet neben dem Formtrieb, der Sehnsucht nach Wissen und Erkenntnis, auch den Stofftrieb, die Lust nach Genuss und Sinnlichkeit (zu Form- und Stofftrieb siehe Konzepte der Klassik).
Beide Triebe sind so stark ausgeprägt, dass Faust sie nicht befriedigen kann, egal, wie viele neue Wege er auch einschlägt. Faust drückt seine innere Zerrissenheit wie folgt aus:
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

(Sz. 2, Z. 393-398)
Durch die stetige Unzufriedenheit resigniert, stellt sich der Charakter Faust den Lesern selbst als ein gescheiterter alter Mann vor, der nichts Sinnvolles in seinem Leben vollbracht habe. Der hochangesehene Gelehrte Faust zweifelt am Wahrheitsgehalt der Wissenschaft, die ihm nicht zur Erkenntnis des Sinns allen Seins verholfen hat. Er zieht also eine resignierte Bilanz über sein gesamtes bisheriges Leben, befindet sich demnach in einer Identitätskrise.
Durch die Magie versucht er nun, zur ultimativen Erkenntnis zu gelangen und beschwört den Erdgeist herauf, der vermutlich die Wahrheit über die Erde repräsentiert, wie ein „Zeitgeist“ die Stimmung einer bestimmten Zeit verkörpert. Der Größenwahn Fausts kennt hier keine Grenzen: Er will gar zum Gott, auf eine Stufe mit dem Erdgeist gestellt werden. Dieser eröffnet ihm aber, dass Faust niemals die totale Erkenntnis erlangen könne und verlässt ihn. Faust, dessen ganzes Leben auf das ruhelose Streben, das ständige Erlangen von mehr ausgerichtet ist, stößt hier auf eine Grenze, die er nicht überwinden kann. Die Totalerkenntnis ist eine Begierde, die er auf keinem Weg befriedigen kann - so wechselt er vom Größenwahn zur Depression. Faust ist derart niedergeschlagen, dass er sich umbringen möchte.
Das Erklingen der Glocken zum Osterfest erwecken jedoch in ihm die Hoffnung, sein Leben grundlegend zu verändern (wieder einmal) und doch noch sein Ziel erreichen zu können. Diese Hoffnung ist es, die Faust zum Weitergehen bewegt, auch wenn er auch den Rest des Dramas grundsätzlich pessimistisch ist, was seine Vergangenheit anbelangt. Denn der Faust der Gelehrtentragödie ist ein verbitterter Mensch. Er lebt zurückgezogen in seinem engen Studierzimmer, der einzige Mensch, den er regelmäßig sieht, ist sein Famulus Wagner, den er überdies für seine Arroganz und Ignoranz verachtet. Obwohl er aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Arzt beliebt beim Volke ist, ist Faust kein Mann des Volks - er lebt nur für sich und seine Zwecke, nicht für andere. Sein ganzes Streben ist auf das Erlangen der ultimativen Erkenntnis für ihn selbst ausgerichtet. Mit ihr will er dem irdischen Kerker entfliehen, nicht anderen Menschen helfen. Auch wenn Faust andere Menschen nicht hasst und sogar bereut, als Arzt nicht mehr Menschen geholfen haben zu können, so ist er doch ein Egozentriker, ein eigenbrötlerisches Genie im Sinne des Sturm und Drang.
Seine Frustration geht schließlich so weit, dass er einen Pakt mit dem Teufel Mephisto eingeht, um endlich Ruhe und Glück zu finden. Der umfassend gebildete und daher nicht kirchengläubige Faust fürchtet sich nicht vor dem Teufel und ist überdies so verzweifelt und unzufrieden, dass er eine fatale Wette eingeht: Sollte Mephisto es schaffen, dass Faust zum Augenblick sagt „Verweile doch! Du bist so schön!“ (Sz. 4, Z. 217 f.), also seine Begierden stillt und ihn wahrhaft glücklich macht, dann bekommt dieser Fausts Seele. Das eigene Glück ist Faust so wichtig, dass er dafür sogar ewige Knechtschaft im Jenseits riskiert.
Dies verrät auch, dass Faust kein frommer Mann ist - seine weitreichende Bildung auf jedem wissenschaftlichen Gebiet lässt ihn nicht an kirchliche Dogmen glauben. Er verneint nicht die Existenz Gottes, ist aber frustriert, nicht an die ewige Wahrheit zu gelangen, die von einem höheren Ursprung herrührt. Er maßt sich am Anfang der Gelehrtentragödie an, in die göttliche Sphäre aufzusteigen, also das Menschsein hinter sich zu lassen, was der kirchlichen Moral vollkommen widerspricht:
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau in diesen reinen Zügen
  [im Bildnis des Makrokosmus]
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen
(Sz. 1, Z. 97-99)
Dabei stellt er sich diese göttliche Sphäre nicht so vor, wie es die Bibel vermittelt: „Die Botschaft [des Christentums] hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ (Sz. 1, Z 508). Faust denkt, dass etwas über der irdischen Natur existiert, doch ist dieses kein christliches Weltbild - allein die Beschwörung des Erdgeists widerspricht der christlichen Lehre. Faust ist ein Pantheist, also jemand, der nicht an das Christentum glaubt, sondern daran, dass sich Gott in der Natur offenbart.
Das Religionsverständnis Fausts zeigt sich im Gespräch mit Gretchen. Faust reiht die Begriffe „Glück! Herz! Liebe! Gott“ mit einer Akkumulation zu einem Oberbegriff (Sz. 16, Z. 70). Er nennt Gott ein „ewige[s] Geheimnis“ (Sz. 17, Z. 65), das man nicht mit dem Verstand erfassen könne. Faust verneint die Möglichkeit, Gott zu definieren und versteht ihn als ewiges Prinzip, das die Natur bestimmt und man nur unbestimmt mit dem Gefühl erfahren könne. Und dieser unbestimmte Glaube des erfahrenen Akademikers ist es, der ihn keine Angst vor der biblischen Hölle haben lässt.
Fausts neue Strategie, zur Harmonie mit der Welt zu gelangen, unterscheidet sich von seiner früheren Herangehensweise: Es ist nicht mehr die Suche nach dem Wissen, die Faust nun bestimmt, sondern er widmet sich dem „schmerzlichsten Genuss“ (Sz. 4, Z. 304), also der Welt der Sinnlichkeit. Faust will unter anderem die Liebe kennenlernen - auch hier ist Faust in gewissem Maße Forscher. Mit diesem Pakt beginnt nun der moralische Abstieg Fausts - der Gelehrte wandelt sich durch Mephisto, der ihm mehr und mehr Genüsse ermöglicht, zum Bösen, vergisst durch seine Begierden Anstand und Sitte, wird immer rücksichtsloser und ungehemmter. Das Bild der schönen Helena im Zauberspiegel der Hexe weckt in ihm die Sehnsucht nach der Schönheit. Der Verjüngungstrank der Hexe erhöht zudem Fausts sexuelles Verlangen, das nun offen zutage tritt: Faust wird zum Lebemann.
Daher ist sein Verhältnis zur blutjungen Margarete von fragwürdiger Ernsthaftigkeit: Es ist vor allem die Begierde, die ihn antreibt. Zwar hat er durchaus Interesse an der Person Gretchen, so erwärmt ihr bürgerliches, von Ordnung, Fleiß, familiärer Fürsorglichkeit und Anstand geprägtes Leben sein Herz, doch Faust ist auch hier Egoist. Er wird maßlos, fordert von Mephisto immer mehr Geschenke, die er Gretchen überreichen kann, ist sogar bereit, zu lügen, um sie zu gewinnen. So tritt er als falscher Zeuge für den angeblichen Tod der Nachbarin Gretchens auf, um sich mit Gretchen treffen zu können.
Ein wichtiger Punkt in der Entwicklung der Figur Faust ist der Monolog in der Szene Wald und Höhle. Faust reflektiert erneut über sein Leben, diesmal aber deutlich optimistischer. Er fühlt sich eins mit der Welt und der Natur, die er nun über das Gefühl und nicht den Verstand erreicht. Die Liebe zu Gretchen hat dies möglich gemacht. Dennoch erkennt er, dass er weiterhin rastlos bleiben muss: „O dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird, / Empfind ich nun.“ (Sz. 14, Z. f. 29) Er ist sich bewusst, dass er seine sinnliche Begierde niemals wird stillen können. Die Abgeschiedenheit in der Natur hat er gewählt, um Abstand von Gretchen zu gewinnen. Faust weiß um die Gefährlichkeit seines Verlangens und ist bestrebt, nicht erst zu versuchen, es auszuleben. Mephisto bewegt ihn dennoch dazu, einen fatalen Entschluss zu fassen. Der rastlos Strebende beschließt, ein Verhältnis mit Gretchen einzugehen, obwohl er weiß, dass dies zu ihrem Untergang führen wird - denn sein Komplize hierbei ist der Teufel. Faust nimmt egoistischerweise Gretchens Untergang in Kauf, seine Leidenschaft ist stärker als seine moralischen Skrupel.
Fausts Begierde führt nun zur Zerstörung von Gretchens Leben: Ein Schlaftrank, den er Gretchen gibt, damit sich das Paar auch nachts treffen kann, tötet deren Mutter, Gretchen wird außerehelich schwanger - was damals zum gesellschaftlichen Ausschluss führte -, ihr Bruder stirbt beim Versuch, den Liebhaber seiner Schwester zu töten. Faust strebt kein geruhsames Familienleben an, sondern weiterhin nur die Erfüllung seiner Gelüste. Er geht sogar so weit, mit Mephisto an der Walpurgisnacht teilzunehmen, an der sich alle bösen Kreaturen versammeln. Faust will auch das Böse - repräsentiert durch Unsinn, pure Sexualität, Gewalt und Geldgier - kennenlernen. Die Grenzenlosigkeit von Fausts Streben steigert sich ins Extreme.
Und so endet das Drama mit dem moralischen Tiefpunkt in der Charakterentwicklung des Faust: Er hat Gretchens Leben zerstört und empfindet schlicht Mitleid, keine aufrichtige Liebe, als er sie im Kerker sieht, wo sie auf ihre Hinrichtung wartet. Durch die soziale Ächtung wahnsinnig geworden, hat sie ihr und Fausts Kind getötet. Faust flieht am Ende des Dramas mit Mephisto - statt die rastlose Suche zu beenden, die ihn zum Bösen verleitet hat, eilt Faust weiter auf seinem Weg, die Welt zu ergründen.
Bildnachweise [nach oben]
[1]
Public Domain.

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