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Der Hofstaat - Ludwig XIV. und die Marquise de Maintenon

Der König und seine Geliebte erfüllen weniger die Funktion von Schlüsselcharakteren, denn die als Träger einer Gesellschaftskritik E.T.A. Hoffmanns. Durch sie gewinnt die Novelle auch gesellschaftliche Relevanz, es wird deutlich, dass es in ihr nicht um den Fall an sich, sondern um seine Auswirkungen in der Gesellschaft geht.
E.T.A. Hoffmann führt Ludwig XIV. und die Marquise als Mitglieder eines „üppige[n] Hof[s]“ in die Handlung ein, der auch von Geheimnissen und verborgenen (Liebes-)Kontakten nicht frei ist (S. 13). Typisch für den herrschenden Stand, umgeben sie sich mit der intellektuellen und kreativen Elite. Der historische Tragödiendichter Racine ist dort ebenso gerne gesehen wie das Fräulein von Scuderi. Obwohl man dem Barock heutzutage oft Falschheit und den Hang zum Schein unterstellt, wird deutlich, dass der König und seine Geliebte ein echtes Interesse an der Kunst besitzen und sich mit ihren Kontakten nicht nur profilieren (= selbst hervorheben) möchten, wie die Bewunderung der Schreibkünste von Scuderis unzweifelhaft belegt.
Was den Hofstaat vom Fräulein und dem Paar Madelon und Olivier trennt, ist, dass der König sowie seine Geliebte keine rein positiven Charaktere sind. Sie dienen durchaus dem Guten durch ihre Kooperation mit von Scuderi, doch müssen sie dazu angeleitet werden. Eine Tendenz zum Guten lässt sich jedoch feststellen. So wird die Marquise de Maintenon zuerst als ernst und streng beschrieben. Dabei findet die sehr fromme Frau, dass der Schutz der nächtlichen Freier wichtiger ist als ihre eigene Meinung über die Bittsteller, die sie für nicht moralisch hält. Gegenüber von Scuderi zeigt sich die charakterstarke und selbstsichere Frau sehr herzlich. Sie ist sich nicht zu schade, der von dem vermeintlichen Zettel der Bande verstörten Dame selbst den Sessel hinzuschieben (S. 21). Daraus ergibt sich, dass die Marquise keine distanzierte Gönnerin ist, die ihr eigenes soziales Ansehen durch den Umgang mit Künstlern erhöhen will, sondern dass sie freundschaftliche Gefühle mit dem Fräulein verbinden, mit dem sie bisweilen auch scherzt, wie etwa nach dem Besuch Cardillacs bei ihr. Diese Freundschaft beruht auch darauf, dass die Marquise von Scuderi als ein „frommes, edles Gemüt“ (S. 21) betrachtet, wodurch die Dichterin bei der ebenfalls frommen und moralisch strengen Marquise an Ansehen gewinnt. Durch ihre Moralität grenzt sie sich von Menschen ab, die sie für amoralisch hält. Deshalb rät sie von Scuderi auch, sich vom Zettel nicht berühren zu lassen. Trotz dieses starken Selbstbewusstseins ist sie aber nicht arrogant: Die Verletzung der Sitte durch Cardillac, der sich zuerst vor dem Fräulein verbeugt, nimmt sie ohne Kommentar und ohne die Miene zu verziehen hin.
Wie von Scuderi ist auch sie gut vernetzt - tatsächlich ist anzunehmen, dass das Fräulein durch de Maintenon einen großen Bekanntenkreis besitzt -, sodass sie den Schmuck Cardillacs sogleich identifizieren kann. Hier zeigt sich auch ein Hang zum Materialismus, denn de Maintenon ist vom Geschmeide verzückt, kann sich eines „lauten Ausrufs der Verwunderung nicht erwehren“ (S. 21). Da die Moral ihre Maxime darstellt, bestimmen Besitz und Geld ihr Handeln nicht. Auch sie würde laut eigener Aussage den Schmuck Cardillacs lieber „in die Seine werfen, als ihn jemals zu tragen“ (S. 28) mit der Gewissheit, dass er in der Hand einer Verbrecherbande gewesen war. Gegen Ende der Novelle tritt aber ihre Moral vor ihrem Stolz und ihrem Gefühl zurück. Wie König Ludwig XIV. wird sie durch Madelon an des Königs frühere Geliebte la Valliere erinnert. Von Scuderi ist überzeugt, dass die Marquise neidisch auf Madelon ist, da sie selbst im König keine so große Leidenschaft wecken kann wie la Valliere es vermochte. Durch diese Erinnerung in ihrem Stolz verletzt - was die Marquise aber nicht zeigt -, bewegt sie den König nicht dazu, sich mehr um den Fall Oliviers zu kümmern. Die Marquise zeigt also zwei Gesichter: Zum einen hilft sie von Scuderi durch ihr Wissen bei der Aufklärung des Falles, zum anderen verweigert sie ihr später die Hilfe.
Ludwig XIV. ist ebenfalls eine ambivalente Persönlichkeit, wobei seine wie der Marquise gute Seiten deutlich überwiegen. Er ist der Inbegriff eines absolutistischen Monarchen. Anstatt seinen Reichtum und seine Macht zu genießen, ist er aber sehr um das Wohl seines Reiches besorgt und ordnet konkrete Maßnahmen an, um den Krisen des Staats beizukommen, indem er sich mit anderen berät und diese mit der Ausführung seiner Pläne beauftragt. Ludwig XIV. ist sich also bewusst, dass er trotz seines Königtums kein Experte für sämtliche Aufgabenbereiche seines Reichs ist und sucht nach professioneller Hilfe, um eine effektive Politik zu führen, die letztlich das Wohl aller bezweckt. Er beruft die Chambre ardente ein, der er einiges an Macht überlässt - zu viel, wie er später fürchtet, als sie Unschuldige ebenso wie Schuldige hinrichtet. Darin offenbart sich ein ausgeprägtes moralisches Bewusstsein. Ihn berührt das Verhalten der Chambre ardente, er ist daran interessiert, Menschenleben zu retten und zögert deshalb auch, stärker gegen die Raube und Morde vorzugehen. Auch möchte er nicht gegen das Volk regieren. Aus Sorge, der „bitterste Vorwurf des gefährdeten Volkes würde ihn treffen“ (S. 65), ist er nicht bereit, Olivier freizulassen, da ihn das Volk für schuldig hält. Dabei hätte er durchaus die Macht dazu, denn sein Spruch geht selbst über den des Gerichts, sein Wort ist Gesetz. Seine Macht missbraucht er aber nicht und regiert so im Sinne des Volkes. Nicht aus Furcht vor diesem handelt er, sondern aus seiner inneren Überzeugung heraus. Wegen dieser stellt er sogar eigene Nachforschungen bezüglich Olivier Brussons ans, obwohl er den Fall ja auch der Chambre ardente überlassen könnte. Sein Bedürfnis nach Wahrheit und Gerechtigkeit machen ihn zu einem Detektiv, Milde und Güte siegen über seine Wut, die sich gegen einen Prozess richtet, der ihm suspekt ist und bei dem er meint, nichts ausrichten zu können.
Seine Bereitschaft zur Aufklärung eines Falles muss vom Fräulein aber erst geweckt werden. Ludwig XIV. ist auch eitel, „mit sichtlichem Wohlgefallen“ (S. 17) liest er seine pathetische Lobpreisung im Gedicht der Freier. Erst durch von Scuderis Verse erkennt er, was wahrer Geist und wahres Künstlertum ist, sodass das Gedicht der Freier seinen Eindruck verliert. Der Monarch mit den feinen Umgangsformen, der auch Humor versteht (er witzelt über von Scuderis erfundenes Verhältnis mit Cardillac), ist bisweilen auch launisch und gereizt - nämlich dann, wenn er Missstände erkennt, die er nicht zu beseitigen weiß. Der Prozess Olivier Brussons wird ihm daher unliebsam, er möchte am liebsten nicht mehr über ihn sprechen. Durch von Scuderi beschäftigt er sich aber später wieder mit dem Fall und erweist Olivier Brusson seine Gnade - aus Interesse an der Gerechtigkeit und aus Mitleid zu Madelon, durch die sich der König an seine innige Liebe zu la Valliere erinnert. Mit einer gönnerhaften Geste schenkt er dem Paar noch 1000 Louis, um ihm eine glückliche Zukunft zu ermöglichen. Von Scuderi wirkt also korrigierend auf ihn ein, sodass er am Ende ganz im Sinne der auch von ihm heilig gehaltenen Tugend handelt. Die Moral ist ihm wichtiger als das Gesetz, das, wie er zugibt, nicht immer gerecht ist.
Mag der König auch kleine charakterliche Fehler haben, die sich bei seiner unumschränkten Macht stark auswirken können, so erstreitet er doch letztlich den Sieg des Guten. Ludwig XIV. ist kein perfekter, aber ein sehr guter Monarch, der einen auf christlichen Werten basierten Herrschaftsstil pflegt. Ohne Berater wie von Scuderi kann aber auch er das Gute nicht erzwingen.

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