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Erzählweise

Die Erzählweise im vorliegenden Roman Arno Geigers bietet ein breit gefächertes Repertoire an Analysekategorien, auf welche wir nun im Folgenden einen näheren Blick werfen werden.

Perspektive und Tempus

  • Fünf Blickwinkel auf das Geschehen: Im Roman sind insgesamt fünf verschiedene Erzählperspektiven auszumachen. Dazu gehören Veit Kolbe als Protagonist, Kurt Ritler, Oskar Meyer, Margots Mutter, Lore Neff sowie der Erzähler der Nachbemerkungen. Während die ersten vier Figuren ihre persönlichen Schicksale im 2. Weltkrieg schildern, werden in den Nachbemerkungen ab Seite 477 die weiteren biografischen Verläufe der Romanfiguren beschrieben. Das Nachwort kann also als eine Art Schluss verstanden werden, in welchem die Handlung durch die abschließende Darstellung der Charaktere abgerundet wird. Die finale Erwähnung der individuellen (Todes-) Schicksale verstärkt den realen Charakter der Personen in Unter der Drachenwand und betont somit den dokumentarischen Charakter des Romans. Wie bereits im Unterpunkt Aufbau besprochen, wird bei Veit, Kurt, Oskar und Lore die Handlung von einem Ich-Erzähler, beziehungsweise der jeweiligen erzählenden Person berichtet. In den Nachbemerkungen jedoch findet ein Wechsel zum auktorialen Erzähler statt, welcher anders als die Ich-Erzähler, einen allwissenden Weitblick über den Handlungsstrangs besitzt
  • Zeitliche Dimension sowie verwendeter Tempus im Werk: Der Zeitraum des Handlungsgeschehens erstreckt sich über den Zeitraum von 1939-1944. Damit fasst das Werk den gesamten zeitlichen Ablauf des 2. Weltkriegs ein. Durch die ständigen Perspektivwechsel folgt die Erzählung jedoch keinem stringenten linearen Handlungsverlauf, sondern wird durch Rück- sowie Vorblenden in Form der eingeschobenen Briefe unterbrochen. Die verwendete Zeit im Roman hängt von der jeweiligen Erzählposition ab, beispielsweise Veit Kolbe sowie der Erzähler in den Nachbemerkungen berichten durchgehend im Präteritum sowie Perfekt. Wiederum Oskar Meyer, Lore Neff und Kurt Ritler wechseln in ihren Briefen zwischen Präsens und den Vergangenheitsformen hin und her. Die Diskrepanz zwischen den Figuren, wenn es um die Tempus-Verwendung geht, spielt keine unerhebliche Rolle. Etwa der Protagonist Veit, dessen Erzählungen durchgehend im Präteritum stattfinden, ist buchstäblich in der Vergangenheit „gefangen“ und entwickelt aufgrund seiner Kriegserlebnisse eine posttraumatische Angststörung. Wiederum am Exempel Kurt Ritlers zu sichtbar ist, dass ein Großteil seiner Briefe an Nanni Schaller und seinen Freund Ferdl im Präsens gehalten sind. Letzteres begründet sich darin, dass Ritler sehr zukunftsorientiert und weniger nostalgisch schreibt. So lebt Kurt zum Beispiel auf die Momente des Wiedersehens mit Nanni hin und sein Leben wird eher von der Gegenwart als von der Vergangenheit bestimmt. Zuletzt sollte noch angemerkt werden, dass sich der Erzählstrang Oskar Meyers auf ganze fünf Jahre erstreckt, während Kurt Ritlers und Lore Neffs Briefe vorrangig aus dem Jahr 1944 stammen

Sprachliche Besonderheiten

  • Schrägstriche: Auffallend häufig verwendet Arno Geiger anstelle von Absätzen Schrägstriche, die den einen Satz von einem anderen räumlich trennen. Ehemals insbesondere in mittelalterlichen Gedichten vorkommend, hat sich der Schrägstrich auch als Satzzeichen in der modernen Literatur etabliert. Eine der zahlreichen Interpretationen des Schrägstrichs ist, dass ihm die Ersatzfunktion für das Komma zugrunde liegt. Allerdings gibt es auch weitere Auslegungen wie beispielsweise, dass ein Schrägstrich eine Gleichberechtigung der Sätze markiert oder auch als eine Art Punkt gesehen werden kann. Für Arno Geiger bildet der Schrägstrich den „sechsten Kontinent der Sprache“. Der Autor bemerkt außerdem „ein Schrägstrich ist mehr als ein Punkt und weniger als ein Absatz. Er eignet sich zur Rhythmisierung des Textes.“
  • Montagetechnik: Es handelt sich hierbei um eine Erzählweise, die in polyperspektivischer Darstellung mehrere verschiedene Textsorten und Sprachstile beinhaltet. Seine Schilderungen im Roman Unter der Drachenwand stützt Arno Geiger auf ein buntes Konglomerat an Tagebucheinträgen, Briefen von Eltern, Behörden und verschickten Kindern (Kinder, die in ein Schullager gesendet werden, um dort isoliert vom Krieg auf dem Land mit anderen Schülern zu lernen) sowie historischer Fakten. Der Einbezug dieser zahlreichen Quellen ist deshalb so elementar für das vorliegende Werk, da speziell beim 2. Weltkrieg die Gefahr besteht, durch eine zu einseitige Berichterstattung die Fakten und authentischen Schicksale im Nationalsozialismus zu verzerren. Durch die Montagetechnik ermöglicht Geiger dem Leser, einen komplexeren Eindruck des Krieges und dessen Auswirkungen zu erhalten

Reale Schauplätze im Roman

  • Mondsee und Umgebung: Der oberösterreichische Ort Mondsee liegt am gleichnamigen Gewässer, welches seinen Namen aufgrund der mondsichelartigen Form erhalten hat. Veit Kolbe bricht nach Mondsee auf, um in der ländlichen Idylle etwas Erholung von den körperlichen sowie psychischen Strapazen des Krieges zu finden. Ebenfalls am Mondsee liegt das Dorf St. Lorenz, zu welchem wiederum ein Viertel namens Schwarzindien gehört. So setzen sich die österreichischen Land-Schauplätze im Roman zusammen. Die Drachenwand existiert ebenfalls und bildet eine beliebte Sehenswürdigkeit des Ortes St. Lorenz. Außerdem gilt die Drachenwand als eine der drei höchsten Aussichtspunkte über den Mondsee, von welcher man einen herrlichen Blick über die umliegende Seenlandschaft genießen kann. Auf die Drachenwand selbst wird im Zuge der Interpretation in dieser Lektürehilfe noch einmal genauer eingegangen

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