Faust und die Konzepte der Klassik
Goethes Faust gehört sowohl zur deutschen National- wie zur Weltliteratur und ist darüber hinaus eines der klassischen Werke, die auch heute noch eine Vielzahl an Literaturwissenschaftlern beschäftigen. Dies liegt nicht nur an seiner großen und langwierigen Wirkungsgeschichte (siehe Rezeption), sondern auch daran, dass das Werk Transzendentes und Weltliches, Anspruchsvolles und Vulgäres, Motive aus der antiken Kultur und Goethes ganz eigene Fantasie miteinander vermischt. Es ist von unzähligen Szenenwechseln und von Fausts unaufhaltsamen Streben nach immer neuen Eindrücken bestimmt. Den Lesern begegnet eine Vielzahl an Figuren, die so unterschiedlich sind wie die verschiedenen Stationen auf Fausts zielloser Suche. Die Frage nach der finalen Aussage des Werks stellt ein Problem dar. Was genau sollen all die Szenen, all die Geschehnisse aussagen? Goethe selbst hat seinen Faust niemals auf eine einzige Aussage beschränkt und sprach von ihm als einem vielmehr für den Verstand nicht greifbaren, poetischen Werk:
Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht? Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung. [...] Vielmehr bin ich der Meinung: je inkommensurabeler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion, desto besser.
(Aus einem Gespräch mit seinem Freund Johann Peter Eckermann am 6. Mai 1827)
Faust enthält statt einer großen Idee viele kleinere Ideen mit jeweils eigener Aussagekraft - sofern man sie erkennt. Einige Passagen wie die Beschwörung des Erdgeists gelten auch heute noch als nicht vollständig entschlüsselt, falls man sie überhaupt entschlüsseln kann. Dennoch gibt es einige Themen, Konflikte und Motive, die sich durch den gesamten Faust ziehen und diesen zu mehr als nur einer zufälligen Ansammlung von Geschehnissen machen.
(Aus einem Gespräch mit seinem Freund Johann Peter Eckermann am 6. Mai 1827)
Faust und die Konzepte der Klassik
Auch wenn Faust, wie im Kapitel Entstehungsgeschichte und Einordnung bereits beschrieben, keiner Epoche eindeutig zuzuordnen ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Klassik als Epoche und Faust zueinander gehören: Das Drama wurde in dieser Epoche in seine finale Form gebracht und veröffentlicht, wichtige Themen der Klassik haben auch innerhalb des Werks eine große Bedeutung. Natürlich ist Faust sehr vom Sturm und Drang geprägt, denn zu dieser Zeit begann Goethe seine Arbeit am Fauststoff, doch war die Weimarer Klassik ein Versuch, die Emotionalität des Sturm und Drang mit der Rationalität der Aufklärung zu verbinden. Was Goethe und Schiller in ihrer Jugend beschäftigte, findet sich zum Teil auch in ihrer klassischen Schaffensphase wieder: Liebe, Genie, Freiheit und Gefühl sind auch Themen der Klassik. Eine philosophische Idee ist für den Handlungsverlauf und den Charakter des Faust von besonderer Bedeutung, denn sie bedingt das „Faustische“, die rastlose Suche nach Sinn, Erkenntnis, Gefühl und Trieberfüllung: Fausts Handeln lässt sich mit Schillers Konzept von Form- und Stofftrieb erklären. Faust stellt selbst fest, dass „zwei Seelen“ in seiner Brust wohnen (Sz. 2, Z. 393), die einander entgegengesetzt sind (siehe Sz. 2). Schiller unterscheidet die beiden Triebe, die auch Faust verspürt, folgendermaßen: Der Stofftrieb ist der Welt und der Natur zugewandt. Er umfasst den Trieb nach den Erfahrungen der Sinneswelt, nach dem Genuss, dem Gefühl, der Liebe, der Erotik - also allem, was im Hier und Jetzt verankert ist, was der Mensch rezeptiv erfahren, also empfinden kann. Handelt ein Mensch nach dem Stofftrieb, so folgt er seinen Instinkten und nicht seinem Verstand, denn der Stofftrieb ist allem Abstrakten entgegengesetzt. Ein Mensch, der hauptsächlich den Stofftrieb empfindet, strebt nach Veränderung, nach neuen Sinneseindrücken. Der Formtrieb dagegen repräsentiert die Vernunft und den „Geist“ des Menschen. Er ist das geistige Streben nach Erkenntnis, nach „geistiger Freiheit“, also nach der Befreiung von allem, was die Vernunft des Menschen einschränkt - worunter der Stofftrieb zu zählen wäre. Der Formtrieb strebt weg von der Welt der Sinneseindrücke hin zum Abstrakten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und der Harmonie allen Seins. Der Formtrieb bewegt den Menschen dazu, die Prinzipien des Lebens zu erkennen, ob das nun auf naturwissenschaftlichem Wege oder auf philosophischem Wege geschieht - Ziel ist das Finden eines Prinzips, das die Welt erklärt und eine große Harmonie zwischen den Dingen herstellt. Der Formtrieb strebt nach Gesetzmäßigkeit, führt also zum Entstehen von Gesetzen und Pflichten des Menschen in der Gesellschaft, was wiederum den Stofftrieb einschränkt. Zwar ist der Formtrieb aktiv und schöpferisch, doch strebt er zur Bewahrung des Selbst und nicht zur Veränderung wie der Stofftrieb. Laut Schiller stehen diese beiden Triebe, die das Wesen des Menschen ausmachen, im stetigen Konflikt, Verstand und Lust sind entgegengesetzt. Das Ideal sei eine Harmonie beider Triebe - wie es generell das selbstgesetzte Ziel der Weimarer Klassik war, den Menschen durch die Kunst zur Harmonie mit sich und der Welt zu führen. Durch die Harmonie beider Triebe wäre der Mensch ausgeglichen. Überwiegt der Stofftrieb, so besteht die Gefahr, dass der Mensch sich in der Sinnlichkeit verliert, also zum selbstsüchtigen Opfer seiner Begierden wird und immer mehr Genüsse jagt. Überwiegt der Formtrieb, besteht die Gefahr der Gefühl- und Leidenschaftslosigkeit. Während Wagner nur den Formtrieb kennt, den Sinn seines Lebens im Lesen von Büchern sieht und sich mit Arroganz vom gemeinen Volk und seinen Unterhaltungen abgrenzt, empfindet Faust beide Triebe. Das Dilemma des Faust ist jedoch, dass seine Triebe sich nicht harmonisch ausgleichen, sondern so stark sind, dass er sich zwischen ihnen hin- und hergerissen fühlt und niemals zufrieden werden kann. Der Formtrieb des Faust findet sich vor allem in der Gelehrtentragödie. Faust ist bestrebt, die Erkenntnis über die Welt zu erlangen, den Sinn hinter allem zu erkennen. Der Formtrieb bewegt ihn zur Suche nach der natura naturans, der wirkenden Natur, die die natura naturata bedingt, die Natur, wie wir sie sehen. Dies ist ein deutlich klassischer Zug des Faust: Er strebt nach der Erkenntnis eines höheren Sinns, ob dies nun Gott ist oder der Erdgeist. Nicht die Natur an sich interessiert ihn, sondern der Grund, warum sie existiert. Oder, wie er es formuliert:
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
(Sz. 1, Z. 34 f.)
Faust sucht also nach einer transzendenten Wahrheit, die also nicht anhand der Betrachtung der Welt und ihrer Naturgesetze erkannt werden kann. Gleichzeitig stellt die Suche nach der natura naturans ein Bestreben Fausts hin, zu einer Harmonie mit der Welt zu gelangen. Denn diese Erkenntnis soll, wie es Schiller ausgedrückt hätte, die Teile der Welt zu einem Ganzen zusammenfügen.
Aufgrund seines Formtriebs lebt Faust abgeschieden vom Volk, er führt ein enthaltsames Gelehrtenleben. Dieser schon Sucht zu nennende Trieb nach Erkenntnis kann jedoch nicht befriedigt werden, da sich Faust zu hohe Ziele setzt, die von keinem Menschen erreicht werden können. Um die natura naturans zu erkennen, müsste er vom Menschen zum Geisteswesen, gewissermaßen also zu einer Art Gott werden (vgl. Sz. 14), was er mit der Beschwörung des Erdgeists versucht. Dies ist kein klassischer Gedanke mehr, sondern purer Größenwahn, zum Scheitern verdammt.
Folglich schlägt Faust vom einen zum anderen Extrem um: Er wünscht sich nach der Absage durch den Erdgeist „weg zu neuem, buntem Leben“ (Sz. 2, Z. 402) und sagt sich vom Formtrieb los: „Mir ekelt lange vor allem Wissen. / Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit / Uns glühende Leidenschaften stillen!“ (Sz. 4, Z. 283)
So verfolgt Faust in der Gretchentragödie hauptsächlich seinen Stofftrieb und wird zum Beispiel dessen, was geschieht, wenn dieser überwiegt. Der zur Veränderung bewegende Stofftrieb führt zu einem Wandel von Fausts Persönlichkeit, er hastet vom einen Genuss zum nächsten, kann seine Lust aber niemals befriedigen, da seine Begierde zu groß ist. Er wird maßlos, lässt seine moralischen Bedenken hinter sich und lebt seine Begierden aus - so ist er bereit, für ein Treffen mit Gretchen ihre Nachbarin Marthe anzulügen. Dass er das Böse kennenlernen möchte und mit Mephisto an der Walpurgisnacht teilnimmt, zeigt aber, dass sein Formtrieb weiterhin besteht. Daher kann Mephisto die Wette auch nicht gewinnen: Egal, wie viele Sinnesfreuden er Faust bereitet, er kann nicht dessen Formtrieb befriedigen. Das Faustische, das die Unzufriedenheit Fausts verursacht, rettet ihn vor dem Teufel - aber nicht vor ihm selbst.
Sein Monolog in Wald und Höhle stellt einen besonderen Moment dar, denn in der ersten Hälfte dieses Monologs fühlt Faust sich wahrhaftig zufrieden. Dadurch, dass Faust nun auch den Stofftrieb ausgelebt hat, ist „der Betrachtung strenge Lust“ (Sz. 14, Z. 27), also der Formtrieb, gestillt worden. Faust meint, die Natur nun zu erfühlen und dadurch sie und sich selbst zu erkennen. Er befindet sich in einem harmonischen Zustand aus Gefühl und Erkenntnis. Dies ist der Idealzustand, in welchem Stoff- wie Formtrieb ausgeglichen sind:
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
(Sz. 1, Z. 34 f.)
[...] Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du [der Erdgeist] nur,
Vergönnest mir, in ihre [der Natur] tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.[...]
[Es steigen] der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
(Sz. 14, Z. 9 ff., 26 f.) Jedoch ist diese Harmonie nur von sehr kurzer Dauer, da Fausts Stofftrieb erneut überwiegt und seine Leidenschaft zu Gretchen entfacht - und in diesem Zusammenhang sorgt der Stofftrieb auch dafür, dass Faust nicht ernstlich gewillt ist, sich zu binden, da der Stofftrieb zur Veränderung und immer neuen Sinneseindrücken drängt. Auf dem Blocksberg zur Walpurgisnacht offenbart sich schließlich der reine Stofftrieb: Faust tanzt mit einer wollüstigen Hexe jenseits aller moralischer Prinzipien. Ebenfalls stark von der Klassik beeinflusst ist der Verlauf der Gretchentragödie, vor allem deren Ende. Gretchen verstrickt sich durch die Beziehung mit Faust immer mehr ins Irdische, in das Sinnliche und damit die Fehlerhaftigkeit der Welt - sie sündigt und lädt Schuld auf sich. Besonders Schiller betrachtete die Welt als einen Ort voller Unfreiheit und moralischer Übel, die man nicht beseitigen könne. Als (geistigen) Ausweg aus diesem unglückseligen Zustand, so Schiller, solle man versuchen, sich selbst zum Guten anzuhalten und zu vervollkommen, auch wenn dies im Diesseits nicht möglich sei. Gretchen, die sich vor ihrem Verhältnis zu Faust stets sittsam verhalten und um ihre moralische Reinheit bemüht hat, wird durch die Liebe zu Faust ins Ungleichgewicht gebracht. Doch ihre Entscheidung für den Tod und die Büße ihrer Sünden erlöst sie letztlich von ihrer Schuld. Hier zeigt sich die klassische Idee der Erlösung aus dem „irdischen Kerker“, wie man sie auch in Schillers Jungfrau von Orléans findet. Sie löst sich von der Fehlerhaftigkeit der Welt und wird von Gott errettet, da sie sich ihm übergibt. Im Jenseits kann sie frei von Sünde sein. Die Absage an Faust bedeutet ein Streben nach moralischer Reinheit und damit nach Vervollkommnung und Freiheit.
Kalt staunenden Besuch erlaubst du [der Erdgeist] nur,
Vergönnest mir, in ihre [der Natur] tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.[...]
[Es steigen] der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
(Sz. 14, Z. 9 ff., 26 f.) Jedoch ist diese Harmonie nur von sehr kurzer Dauer, da Fausts Stofftrieb erneut überwiegt und seine Leidenschaft zu Gretchen entfacht - und in diesem Zusammenhang sorgt der Stofftrieb auch dafür, dass Faust nicht ernstlich gewillt ist, sich zu binden, da der Stofftrieb zur Veränderung und immer neuen Sinneseindrücken drängt. Auf dem Blocksberg zur Walpurgisnacht offenbart sich schließlich der reine Stofftrieb: Faust tanzt mit einer wollüstigen Hexe jenseits aller moralischer Prinzipien. Ebenfalls stark von der Klassik beeinflusst ist der Verlauf der Gretchentragödie, vor allem deren Ende. Gretchen verstrickt sich durch die Beziehung mit Faust immer mehr ins Irdische, in das Sinnliche und damit die Fehlerhaftigkeit der Welt - sie sündigt und lädt Schuld auf sich. Besonders Schiller betrachtete die Welt als einen Ort voller Unfreiheit und moralischer Übel, die man nicht beseitigen könne. Als (geistigen) Ausweg aus diesem unglückseligen Zustand, so Schiller, solle man versuchen, sich selbst zum Guten anzuhalten und zu vervollkommen, auch wenn dies im Diesseits nicht möglich sei. Gretchen, die sich vor ihrem Verhältnis zu Faust stets sittsam verhalten und um ihre moralische Reinheit bemüht hat, wird durch die Liebe zu Faust ins Ungleichgewicht gebracht. Doch ihre Entscheidung für den Tod und die Büße ihrer Sünden erlöst sie letztlich von ihrer Schuld. Hier zeigt sich die klassische Idee der Erlösung aus dem „irdischen Kerker“, wie man sie auch in Schillers Jungfrau von Orléans findet. Sie löst sich von der Fehlerhaftigkeit der Welt und wird von Gott errettet, da sie sich ihm übergibt. Im Jenseits kann sie frei von Sünde sein. Die Absage an Faust bedeutet ein Streben nach moralischer Reinheit und damit nach Vervollkommnung und Freiheit.