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Inhaltsverzeichnis

Vormärz

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Zeit: 1830-1848
  • Geschichtlicher Hintergrund: Politische Unruhen vor der Märzrevolution und angestoßen durch die Julirevolution 1830 in Frankreich
  • Autoren: Junge, politisch interessierte und vorwiegend demokratisch eingestellte Autoren
  • Merkmale: Prosa mit mehr Rundblick, allwissende Erzählhaltung, Flugblätter und politische Schriften
  • Themen: Vielschichtigkeit des Lebens, Innenleben und Außenwelt, Materialismus, soziale Missstände

Definition

  • Die literaturhistorische Epoche des Vormärz umfasst vor allem die politisch brisante Zeit vor der Märzrevolution 1848/49, angestoßen durch die Französische Julirevolution 1830. Das wirtschaftlich erstarkte Bürgertum verlangt in dieser Zeit danach, dass ihre neue Position in der Gesellschaft auch in der Verfassung berücksichtigt wird. Die Punkte der bürgerlichen Freiheit und der staatlichen Einheit sind hierbei entscheidend.
  • Die Literatur wird politischer und zum Teil werden Textveröffentlichungen durch Zensur beeinträchtigt. Genau gegen diese Freiheitsbeschränkungen werden die jungen Autoren des Vormärz und des Jungen Deutschlands aktiv. Traditionelle Werte und das volksnahe Verhalten der Romantiker und der Autoren des Biedermeier werden hinterfragt. Erstmals nach der Goethezeit entwickelt sich im Vormärz eine theoretisch reflektierte Literatur, die bewusst gesellschaftskritisch arbeitet und adressatenbezogen formuliert.

Geschichtlicher Hintergrund

  • Die Ideen der Französischen Revolution, insbesondere die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, hatten auch auf die deutschen Staaten Auswirkungen. Die Restauration nach den napoleonischen Kriegen führte jedoch zu einer konservativen Rückkehr zu alten monarchischen Strukturen und einer starken Einschränkung politischer Freiheiten.
  • Die Unzufriedenheit mit den restaurativen Verhältnissen und die Forderungen nach politischen Reformen kulminierten schließlich in der Märzrevolution von 1848. Die Menschen strebten nach demokratischen Veränderungen, bürgerlichen Freiheiten und nationaler Einheit. Die Revolution blieb jedoch unvollendet und endete mit der restaurativen Reaktion.
  • Während des Vormärz erlebten die deutschen Staaten einen verstärkten urbanen Wandel. Die rasanten sozialen Veränderungen führten zu sozialen Ungleichheiten und Armut (Pauperismus). Die Industrialisierung und die damit einhergehende Urbanisierung führten zur Entstehung eines Proletariats, das in den Städten unter oft prekären Bedingungen lebte und arbeitete. Dafür konnten sich die Autoren an der Epoche des „Sturm und Drang“ orientieren. Die Literatur ist das Medium in gesellschaftlicher Auseinandersetzung und im politischen Kampf (nur im Sturm und Drang v. a. bei Lenz und Wagner gab es dazu Ansätze). Der Grund für diese neue Wahrnehmung der Literatur ist die Politisierung der Gesellschaft, ein Zusammenspiel von Revolution und Restauration.

Literarische Merkmale

  • Themen: Politische Verhältnisse, gesellschaftliche Veränderungen, soziale Probleme der Gesellschaft, Forderung nach demokratischen Rechten, Aktivierung der Gesellschaft zum Widerstand, wie bspw. in der Literatur von Georg Büchner. Es wird gegen Zensur und für die Pressefreiheit, gegen die Kleinstaaterei und für eine demokratische Verfassung geschrieben. In der Literatur geht es mehr um das Individuum und die Gesellschaft.
  • Literarische Gattungen: Die Autoren verpflichteten sich der Aktualität ihrer Themen und passten ihre jeweiligen Genres an. Die Briefliteratur und der Reisebericht werden bekannt und zentral. Lyrische Texte waren am beliebtesten, da diese kurzweilig sind und schnell verbreitet werden können. Lieder wurden besonders häufig verfasst, da das gemeinsame Singen eine Gruppendynamik innerhalb des Bürgertums förderte. Doch auch das Drama eignete sich gut, um auf die gesellschaftlichen Missstände aufmerksam zu machen (z. B. Büchners Woyzeck).
  • Motive: politische Stellungnahme, Säkularisierung, politische Rebellion, Unzufriedenheit, Wunsch nach Freiheit
  • Publizistik: Es handelt sich um eine Bewegung, die stark im publizistischen Bereich unterwegs ist. Die Autoren waren nicht mehr ausschließlich im Bereich der Literaturkritik, sondern auch in der Publizistik tätig.
  • Es entsteht eine literarische Öffentlichkeit: Der zunehmende Alphabetisierungsgrad ermöglichte eine breitere Teilnahme an kulturellen und politischen Diskursen.
  • Sprache und Form: Die Autoren verwendeten eine einfache und alltägliche Sprache und arbeiteten teilweise sogar mit Dialekten, um möglichst viele Gesellschaftsgruppen auf die politischen und sozialen Gruppen aufmerksam zu machen.

Naturbegriff

Deutsch Basiswissen Vormärz Abbildung
Ludwig Richter: Brautzug im Frühling (1847) (hier zum Nachweis)

Heinrich Heine

  • Der Autor Heinrich Heine stellt unter den Autoren um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Besonderheit dar, da er keiner der gängigen Epochen zuzuordnen ist. Er äußert sich kritisch einerseits gegenüber den Vertretern des Biedermeier und stellt sich gegen ihre verklärende, in seinen Augen verlogene, Sicht auf die Welt.
  • Andererseits ist ihm die Tendenzpoesie und Polarisierung durch die politisch engagierten Autoren des Vormärz suspekt. Die Rede über die idealisierte Natur wird bei Heine enthüllt und die Verklärung deutlich gemacht. Das Naturgefühl wird ironisiert und somit kritisiert. Ironie ist also ein bedeutendes Merkmal bei Heines Texten.
  • Ein wichtiges Beispiel: Das Fräulein stand am Meer, Heinrich Heine (1844)

Exemplarisches Gedicht der Naturlyrik

Ver sacrum (1844)
Robert Eduard Prutz
1
Das ist der Mai, der heut die Knospe sprengt!
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Das ist der Lenz, der holde Liebesbote,
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der jauchzend heut dem jungen Morgenrote
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aus Blüten sich entgegendrängt!
5
Durch alle Bäume geht ein leises Rauschen,
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und alle Ohren neigen sich und lauschen,
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und alle Herzen fühlen warm und frei
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und grüßen dich, o Blütenkönig Mai! —
9
Doch nicht ein Mai für Gras und Bäume bloß:
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Ein andrer reißt, ersehnt mit tausend Schmerzen,
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ein Frühling heut der Geister und der Herzen
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sich aus dem Grund der Zeiten los.
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Er grüßt uns auch mit Nachtigallenschlägen,
14
er streckt uns auch ein sprossend Reis entgegen:
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Nun was sich jung und kräftig fühlt
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zum Opferdienst dem Geisterkönig Mai!
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Zwar wissen wir, der Sommer ist es nicht,
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noch Größres bleibt die künft'ge Zeit uns schuldig,
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nach dem das Herz sich sehnet ungeduldig,
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gleichwie das Auge nach dem Licht.
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Doch kommt auch dies! Die Knospe muß ja reifen,
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es muß der Kern die Hülle von sich streifen,
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der Wille führt die Taten doch herbei:
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Und immerdar ein Sommer folgt dem Mai!—
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Auf seine Früchte deute dieser Kranz!
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Voll junger Knospen, sprossender Gedanken,
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soll er sich kühlend um die Schläfe ranken des wundgetretnen Vaterlands;
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ein Weihefrühling, wird er ausgesendet,
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bis sich die Zeit, die nahende vollendet:
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Drum was sich jung und kräftig fühlt, herbei!
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Die Fahne weht! Euch alle ruft der Mai!

Weitere wichtige Beispieltexte der Epoche:

  • Eduard Mörike Im Frühling (1828)
  • Georg Herwegh: Frühlingslied (1841)
  • Georg Herwegh: Frühlingslied (1841)
  • Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen (1844)
  • Heinrich Heine: Das Fräulein stand am Meere (1844)