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Expressionismus

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Zeit: 1910 bis 1925
  • Geschichtlicher Hintergrund: Während der Erste Weltkrieg tobte und Deutschland sich in der Weimarer Republik politisch umstrukturierte und das Wachstum der Städte die Menschen und ihre Lebensentwürfe veränderte, reagierte der Expressionismus auf die neuartige Zeit mit einer radikalen, neu gedachten Kunst.
  • Autoren: Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler sind zwei Extreme einer Bewegung und gehören zu den bedeutendsten expressionistischen Liebeslyrikern. Beide reagieren sie auf die Moderne, aber auf unterschiedliche Art und Weise: Benn tut dies mit Zynismus und einem gefühllosen Blick; Lasker-Schüler mit der Leidenschaft und der Abkehr von der Vernunft. Gemeinsam sind ihnen die Verwendung von Personifikationen und Neologismen und der Bruch mit der traditionellen lyrischen Form.
  • Leitsatz: Expressionisten verstanden sich als Kritiker ihrer Zeit.
  • Themen: Der Ich-Verlust, der Verfall, Körperlichkeit, Sehnsucht, Pessimismus und Hoffnung finden sich sowohl in der Lyrik als auch speziell der Liebeslyrik.

Definition

  • Die Expressionismus-Epoche ist zeitlich von 1910 bis 1925 einzuordnen. Sie wird zeitlich in drei Abschnitte unterteilt, separiert durch den Ersten Weltkrieg.
    \(\rightarrow\) 1910 - 1914 Frühexpressionismus
    \(\rightarrow\) 1914 - 1918 Kriegsexpressionismus
    \(\rightarrow\) 1918 - 1925 Spätexpressionismus
  • Die Epoche des Expressionismus wurde von der Verstädterung und Isolierung der Menschen sowie dem Ersten Weltkrieg beeinflusst. Von großer Bedeutung waren Themen wie Krieg, Verfall, Angst, Weltuntergang sowie Wahnsinn und Liebe.
  • Der Begriff wird vom lateinischen Wort „expressio“ abgeleitet, das „Ausdruck“ heißt und somit für „Ausdruckskunst“ steht. Die Bezeichnung wurde 1911 erstmals von dem Schriftsteller Kurt Hiller von der Bildenden Kunst auf die Literatur und Dichtung übertragen.
  • Expressionismus kann heißen, das dekadente Großstadtleben und die bloße Körperlichkeit der Menschen bloßzustellen wie Gottfried Benn. Expressionismus kann aber auch heißen, ein unrealistisches, spirituelles, mystisches Gegenbild zur nüchternen Realität zu entwerfen wie Else Lasker-Schüler.
  • Die Logik und Erklärbarkeit der Dinge lehnten die Expressionisten strikt ab, es ging ihnen um die Erfassung der Dinge. Mithilfe der Kunst wollten die Vertreter der Epoche den Stilpluralismus der Außenwelt verarbeiten.

Allgemein

  • Die Expressionisten betrachteten den Größenwahn und die bürgerliche Gesellschaft ihrer Zeit mit Sorge, als deren Auswüchse sie den in solchen Ausmaßen noch nie dagewesenen Krieg und das neue System Stadt, in welcher der Mensch sich von sich selbst entfremdete, betrachteten.
  • Sie wollten auf die Moderne mit moderner Kunst antworten, den Wahnsinn ihrer Epoche und ihre Gefühle in Anbetracht des sie umgebenen Wahnsinns und der moralischen Verderbtheit ausdrücken.
  • Themen sind demnach die Stadt und ihr von Maschinen geregeltes Leben, der Ich-Verlust der Menschen in einer Ära der Technisierung und der großstädtischen Anonymität, der Krieg, der Verfall und die Apokalypse der Gesellschaft, die Ausgrenzung von Armen und psychisch Kranken.
  • Zwei Strömungen bestimmten die Epoche des Expressionismus, der aufgrund der absoluten Individualität des Künstlers nur als Sammelbegriff für die Kunst dieser Zeit zu verstehen ist: Die einen hatten die Hoffnung, durch die Radikalität der Kunst den Menschen zu verändern und eine andere, freiheitlichere Gesellschaft herbeizuführen, die anderen waren pessimistische Kritiker, die ihre Zeit als den großen Untergang Europas und der Menschheit betrachteten. So umfasst der Expressionismus sowohl düstere, nüchterne Werke als auch optimistische und pathetische.
  • Die Anhänger beider Strömungen verband jedoch weitgehend das Selbstverständnis als Künstler. In den Großstädten traf man sich in den Künstlercafés, tauschte sich aus, liebte sich und suchte so nach sich selbst und Inspiration für die Kunst.
  • Viele Expressionisten führten einen unsteten Lebensstil, mit welchem sie gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihre Konventionen protestieren wollten. Ein weiterer Ausdruck des Protests ist die bewusste Darstellung von Hässlichkeit und Nacktheit, sowohl in der bildenden Kunst als auch der Literatur.
  • Die Romantik beeinflusste manche Expressionisten dahingehend, dass sie der städtischen Dystopie (das Gegenteil der perfekten Gesellschaft, der Utopie) die Natur entgegenhielten, die das Individuum nicht einengte und ihm Hoffnung auf ein selbstbestimmtes, harmonisches Leben gab.
  • So ambivalent wie die Epoche an sich war auch die Darstellung der Liebe. Zum einen gab es die große Tendenz, die Liebe als Flucht aus der bedrückenden Realität zu empfinden, als Chance, frei zu leben von den Zwängen einer von Normen geregelten Gesellschaft. Die Anhänger dieser Strömung idealisierten die Liebe als die Kraft, welche dem Leben wieder eine Richtung und einen Sinn zu geben vermochte. Sie griffen dabei auf Motive der Romantik zurück, wie z.B. die Sehnsucht und die Suche nach Harmonie.
  • Die Anhänger der anderen Strömung beschrieben die Liebe als einen rein fleischlichen, emotionslosen Vorgang, wobei sie die Vergnügungssucht der Großstädter kritisch und als dekadent bewerteten. Gezielt porträtierten sie die Hässlichkeit der Stadtbevölkerung, die inmitten der Modernität nach ihrer Ansicht nur noch für den körperlichen Genuss lebte.

Sprache und Form

  • Die Form expressionistischer Lyrik zeigt sich sehr vielfältig. Viele Expressionisten orientierten sich an klassischen Formen wie denen des Sonetts und dem Vierzeiler (Gedichtform, in welcher eine Strophe aus vier Versen besteht).
  • Der festen Form setzten sie den Inhalt absichtlich entgegen, sodass die äußere Orientierung an der Tradition durch den Inhalt gebrochen wird, der den Verfall und den Regelbruch beschreibt. Man spricht auch vom Verhältnis von Apoll und Dionysos: Apoll steht als Gott der Dichtung für die regelmäßige Form, Dionysos als Gott des Rauschs und des Festes für die Abkehr von der gesellschaftlichen Norm im Inhalt.
  • Wiederum andere Lyriker des Expressionismus brachen mit den traditionellen Formen auf der Suche nach der Möglichkeit, sich selbst am besten auszudrücken.
  • Sprachlich reichen die Gedichte dieser Epoche von betont gefühls- und sehnsuchtsvoll bis zu schonungslos und gefühlskalt. Gegensätze bestimmten auch die Metaphorik und die Benutzung rhetorischer Stilmittel zur Zeit des Expressionismus.
  • So werden in den Gedichten beispielsweise Menschen verdinglicht und Gegenstände personifiziert, Kälte und Hitze, Licht und Dunkelheit, Vitalität und Tod spiegeln die von den Dichtern empfundene Widersprüchlichkeit des Lebens wider. Zur Darstellung des Überflusses an Sinneseindrücken in der Stadt verwendeten viele Expressionisten den Simultanstil, der einzelne Wahrnehmungen ohne logische Verknüpfung aneinanderreiht.

Exemplarische Gedichte der Liebeslyrik

Nachtcafé
Gottfried Benn
1
824: Der Frauen Liebe und Leben.
2
Das Cello trinkt rasch mal. Die Flöte
3
rülpst tief drei Takte lang: das schöne Abendbrot.
4
Die Trommel liest den Kriminalroman zu Ende.
5
Grüne Zähne, Pickel im Gesicht
6
winkt einer Lidrandentzündung.
7
Fett im Haar
8
spricht zu offenem Mund mit Rachenmandel
9
Glaube Liebe Hoffnung um den Hals.
10
Junger Kropf ist Sattelnase gut.
11
Er bezahlt für sie drei Biere.
12
Bartflechte kauft Nelken,
13
Doppelkinn zu erweichen.
14
[...]
15
Die Tür fließt hin: Ein Weib.
16
Wüste ausgedörrt. Kanaanitisch braun.
17
Keusch. Höhlenreich. Ein Duft kommt mit.
18
Kaum Duft.
19
Es ist nur eine süße Verwölbung der Luft
20
gegen mein Gehirn.
21
Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.
Aus: Gottfried Benn: Söhne. Neue Gedichte. 1913.
Ein alter Tibetteppich
Else Lasker-Schüler
1
Deine Seele, die die meine liebet,
2
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.
3
Strahl in Strahl, verliebte Farben,
4
Sterne, die sich himmellang umwarben.
5
Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
6
Maschentausendabertausendweit.
7
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
8
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
9
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Aus: Else Lasker-Schüler: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. 1912, Verlag der Blauen Bücher.
  • Diese Gedichte zeigen, wie vielfältig expressionistische Lyrik sein kann. Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, welche 1912 eine innige Liebesaffäre eingingen, zeigen die zwei Pole des Expressionismus.
  • Benn thematisiert die städtische Vergnügungssucht, die Annäherungsversuche in einem Nachtcafé, wobei er die Schönheitsfehler der Besucher schonungslos beschreibt.
  • Bis auf die Frau, deren orientalisches Flair das tatsächliche Interesse des lyrischen Ichs weckt, werden sämtliche Personen durch die Personifikation ihrer Attribute beschrieben: Die Musikanten werden als ihre Instrumente umschrieben und die Besucher des Cafés sind personifizierte Schönheitsfehler.
  • Durch die Personifikationen bei der gleichzeitigen Reduktion der Menschen auf Merkmale wird ein komischer Effekt erzielt, die zu den Personifikationen gehörigen Verben sind ungewöhnlich: Die Flöte „rülpst“, die Trommel „liest“ einen Kriminalroman.
  • Durch diese Beschreibungen wird deutlich, dass das lyrische Ich Belustigung und Abscheu gegenüber den Personen im Café empfindet. Es beschreibt die Makel der Cafébesucher, ohne deren Hoffnung auf Liebe ernst zu nehmen.
  • Das zynische, gefühlskalte lyrische Ich wird nur von der exotischen Frau bewegt, die es erotisch anzieht. Die Wüste symbolisiert einerseits die Hitze, andererseits auch das Interesse, das man im expressionistischen Deutschland gegenüber dem Orient empfand, der als Heimat der Spiritualität galt.
  • Auch Lasker Schüler sie richtet ihre Hoffnung gen Orient, der Teppich aus dem fernen Tibet verkörpert die Sehnsucht nach der Flucht aus der westlichen Stadtgesellschaft. Als Sinnbild der Harmonie drückt der Teppich aus, dass sich das lyrische Ich und sein Partner zu einem Ganzen verweben, dass sie untrennbar zusammengehören.
  • Lasker-Schüler verdinglicht das im Gedicht beschriebene Paar zu Farben, die umeinander werben, aber ohne den negativen Unterton Benns. Durch Neologismen (Wortneuschöpfungen) wie „Lamasohn“ wendet sich Lasker-Schüler bewusst von einer rationalen Betrachtung der Liebe ab.
  • Die von ihr geschilderte Liebe ist exotisch, sehnsuchtsvoll, leidenschaftlich, wie die Verwendung des Wortes „Seele“ verdeutlicht. Lasker-Schüler greift auch die Umschreibung der Liebe mit der Lichtmetaphorik auf.