Biedermeier
Epochenmerkmale
Auf einen Blick- Zeit: 1815-1845
- Geschichtlicher Hintergrund: Das Bürgertum ist erstarkt, aber vom Staat eingeschränkt. Die Autoren des Biedermeier finden sich mit dieser Rolle ab.
- Autoren: Autoren und Autorinnen aus dem Bürgertum mit Wunsch nach Harmonie und Geborgenheit.
- Merkmale: Einfluss der Romantik, ruhiger Ton, Idylle und Natur, einfache Liedform, regelmäßige Sprachverarbeitung.
- Themen: Liebe in häuslicher Umgebung, volkstümliches Leben, strukturierte Gesellschaft, privates Glück.
Definition
- In der Zeit des Biedermeier, der häufig mit der Spätromantik zusammenfällt, besinnen sich die Menschen mehr auf das Innere. Der Biedermeier ist eine Zeit, in welcher der Staat das Leben der Bürger durch Zensur und andere autoritäre Maßnahmen regelte und die Opposition systematisch unterdrückte. Die Vertreter des Biedermeier akzeptierten die Realität und suchten das persönliche Glück, statt die sozialen und politischen Verhältnisse durch Protest umgestalten zu wollen.
- Sie sehnten sich nach Ruhe, Geborgenheit und Familie, nicht nach der Selbstverwirklichung gegen die Konvention. Die Autoren des Biedermeier waren fest in der Gesellschaft verankert und sahen das Schwimmen gegen den Strom nicht als Weg zum Glück an, auch wenn ihnen die politische Realität durchaus missfiel — so sehnten sich auch Autoren des Biedermeier nach der nationalen Einheit, Autorinnen sehnten sich zudem nach der Gleichstellung von Mann und Frau. Von gesellschaftlichen Umstürzen erhoffte man sich aber keine Besserung der Lage, daher suchten die Literaten des Biedermeier innerhalb der Normen im privaten Umfeld die Erfüllung.
Geschichtlicher Hintergrund
- Die Biedermeierzeit folgte auf die Napoleonischen Kriege und den Wiener Kongress von 1815, der eine Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen vorsah. Die politische Atmosphäre war von Restauration und konservativen Tendenzen geprägt.
- Aufgrund der politischen Restauration und der Ängste vor revolutionären Bewegungen gab es eine verstärkte Zensur und Kontrolle der Medien. Künstler und Autoren waren gezwungen, subtiler und indirekter über gesellschaftliche und politische Themen zu sprechen.
- Während im Vormärz politische Verhältnisse und gesellschaftliche Veränderungen thematisiert wurden, ignorierte der Biedermeier die Klassenunterschiede und Herausforderungen der Industrialisierung. Die Autoren dieser Epoche suchten einen Mittelweg, eine Selbstabschließung vor den politischen Fragen und propagierten das stille Glück im Privaten.
- Der Biedermeier wurde mit häuslichem Leben, Geselligkeit und dem Rückzug ins Private assoziiert. Dieser Rückzug sollte eine Antwort auf die politischen Spannungen der 20er und 30er Jahre sein, ein Versuch, der Welt durch die Schaffung einer heilen und harmonisierten Umgebung zu entkommen. Die Biedermeierzeit lässt sich somit als Flucht ins Private bezeichnen, um der Unsicherheit und den gesellschaftlichen Veränderungen zu entkommen. Die Literatur des Biedermeiers bot jedoch keinen direkten Reflex auf die gesellschaftliche Gegenwart. Diese Epoche war von einer tiefen Zerrissenheit geprägt, einer Resignation gegenüber den politischen Umständen, die sich in diesem verstärkten, idealisierten Rückzug ins Private manifestierte.
Literarische Merkmale
- Themen: Häuslichkeit, Alltagsleben, Sittlichkeit, Natur und Idylle, Pflichtgefühl und das Streben nach „dem kleinen Glück“
- Motive: Liebe und Romantik, Familienidylle, Flucht in die Vergangenheit
- Sprache und Form: Die Sprache der Biedermeierliteratur war oft einfach, verständlich und volkstümlich. Dies spiegelte den Wunsch nach Nähe zur Leserschaft und eine klare, verständliche Ausdrucksweise wider. Kurzgeschichten, Novellen und Gedichte waren beliebte Formen. Diese erlaubten es den Autoren, ihre Botschaften auf prägnante und zugängliche Weise zu vermitteln. Doch auch das Drama bzw. Volksstück war in der Biedermeierzeit beliebt. Diese Stücke konzentrierten sich oft auf bürgerliche Lebensverhältnisse und familiäre Konflikte.
- Regionalismus: Es entsteht eine vom Biedermeier stark gekennzeichnete Regionalliteratur. Die Hinwendung zum Volkstümlichen und die Liebe zur Heimat waren ebenso wie die Beschäftigung mit Natur und Jahreszeiten charakteristisch.
Naturbegriff
Private Realitätsflucht
- Eskapismus: Flucht vor der Realität und der Gesellschaft in die Natur.
- Beschränkung der Naturerfahrung auf den privaten Bereich.
- Natur als Ort der Ruhe und Erholung
- Gleichzeitig wurde die Natur auch als Spiegel der menschlichen Seele betrachtet, was sich in der Verwendung von Naturmetaphern zur Darstellung von Gefühlen und Stimmungen widerspiegelte.
- Sowohl der Mensch als auch die Natur werden als erlösungsbedürftig und eingeengt in den Grenzen der Gesellschaft angesehen.

Exemplarisches Gedicht der Naturlyrik
Er ist's (1829) Eduard Mörike
1
Frühling läßt sein blaues Band
2
Wieder flattern durch die Lüfte;
3
Süße, wohlbekannte Düfte
4
Streifen ahnungsvoll das Land.
5
Veilchen träumen schon,
6
Wollen balde kommen.
7
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
8
Frühling, ja du bist's!
9
Dich hab' ich vernommen!
Das Gedicht ist verhältnismäßig einfach und musikalisch und somit sehr volksnah. Die Naturwahrnehmung als Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und dem Frühling ist typisch für den Eskapismus der Zeit. Der Frühling als Neubeginn im Jahresverlauf passt zu den historischen Hintergründen des Biedermeier.
Weitere wichtige Beispieltexte der Epoche:
- Eduard Mörike: Septembermorgen (1828)
- Eduard Mörike: Um Mitternacht (1828)
- Eduard Mörike: Im Frühling (1828)
- Anette von Droste-Hülshoff: Mondesaufgang (1844)
- Anette von Droste-Hülshoff: Die tote Lerche (1844)