Erzähler
Erzählperspektiven
In der Epik werden verschiedene Erzählperspektiven definiert, die sich durch die Rolle des Erzählers in der Handlung unterscheiden. Allerdings muss eine Perspektive nicht die ganze Erzählung über beibehalten, sondern kann auch gewechselt werden.Erzähltechniken
Die Handlung kann in epischen Texten auf unterschiedliche Arten vom Erzähler dargeboten werden. Grob unterscheidet man die Techniken dabei in Erzählerbericht und Figurenrede.Erzählerbericht:
- Textelemente, die dem Erzähler direkt zugeordnet werden können
- Der Erzähler berichtet über die Handlung, beschreibt oder kommentiert das Geschehen.
- Unterscheidung in Showing und Telling
- Showing: keine Einmischung und Bewertung durch den Erzähler, bloße Wiedergabe zeitlicher Vorgänge, Bsp.: Sie sucht ihr Telefon und will Tim endlich anrufen.
- Telling: Erzähler mischt sich mit Kommentaren, Bewertungen, Rückgriffen und Leseransprachen ein, er gibt aktuelle Geschehnisse wieder, Bsp.: Verzweifelt sucht sie ihr Telefon, das sie mal wieder verlegt hat und will endlich Tim anrufen, mit dem sie sich vor zwei Wochen heftig zerstritten hat.
Figurenrede:
- Das Geschehen wird durch Äußerungen oder Gedanken von Figuren vermittelt
- Direkte Rede
- Szenisch unmittelbar, der Erzähler tritt hinter die Figur zurück
- 1./2. Person Indikativ
- Bsp.: „Ich muss Tim unbedingt sprechen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich muss ihm endlich alles erklären.“
- Indirekte Rede
- Berichtende Form, bei der der Erzähler als Vermittler erkennbar bleibt
- 3. Person Konjunktiv
- Bsp.: „Sie sagte, sie müsse Tim unbedingt sprechen. Sie müsse ihm endlich alles erklären.“
- Erlebte Rede
- Darstellung aus der Innensicht einer Person
- 3. Person Indikativ Präteritum
- Bsp.: Sie musste unbedingt mit ihm sprechen. Sie hielt es nicht mehr aus, musste ihm endlich alles erklären.
- Innerer Monolog
- Wiedergabe von Gedanken in einer Art Selbstgespräch
- Erzähler tritt zurück, Mitfühlen mit der Figur ist unmittelbar möglich
- 1. Person Indikativ Präsens
- Bsp.: Ich muss ihn unbedingt sprechen. Ich halte das nicht mehr aus! Ich muss ihm endlich alles erklären.
- Bewusstseinsstrom
- Protokollartige Wiedergabe von Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen
- 1. Person Indikativ Präsens
- Bsp.: „Tim. Oje. Ich muss ihn unbedingt sprechen. Jetzt. Endlich alles erklären. Wo ist das Telefon? Schnell!“
Zeitstruktur des Erzähltextes
In der Epik kann man von einer doppelten Zeit des Erzählten sprechen und in Erzählzeit und erzählte Zeit differenzieren.Die Erzählzeit bezeichnet die Zeit, die beim Erzählen bzw. Lesen der Handlung vergeht. Sie ist also gleichbedeutend mit der Zeitspanne der sprachlichen Realisierung bzw. der räumlichen Ausdehnung des Textes in Seitenzahlen.
Die erzählte Zeit dagegen ist die Zeit, die in der Geschichte selbst vergeht und damit die Zeit, über die sich die Handlung erstreckt. Sie kann aufgrund von Datierungen innerhalb der Erzählung festgemacht werden.
Erzähltempo
Basierend auf der Unterteilung in Erzählzeit und erzählte Zeit kann das Tempo der Erzählung variieren und in folgende Formen eingeteilt werden:Zeitdehnendes Erzählen:
- Die Erzählzeit ist länger als die erzählte Zeit
- Detaillierte Wiedergabe eigentlich schnell ablaufender Bewusstseinsprozesse
Zeitdeckendes Erzählen:
- Die Erzählzeit und erzählte Zeit sind gleich lang
- Dialoge, erlebte Rede, innerer Monolog
Zeitraffendes Erzählen:
- Die Erzählzeit ist kürzer als die erzählte Zeit
- Ereignisse werden zusammengefasst und gerafft
- Aussparung/Zeitsprung: Zeitabschnitt wird übersprungen
- Sukzessive Raffung: fortschreitende Aneinanderreihung von Geschehnissen, z.B. „Dann ... und dann ...“
- Iterative Raffung: fasst einen Zeitraum durch Angabe regelmäßig wiederholender Geschehnisse zusammen, z.B. „Immer wieder ...“ oder „Wie jeden Freitag ...“
- Durative Raffung: beschreibt etwas den ganzen Zeitraum überdauerndes, z.B. „Die ganze Zeit über ...“ oder „Während des gesamten Urlaubs ...“
Rückwendungen:
- Unterbrechung, um Geschehnisse nachzutragen, die früher passiert sind bzw. Informationen an passender Stelle nachzureichen
- Aufbauende Rückwendung: erst im zweiten Teil der Erzählung wird erklärt, warum und wie es zur aktuellen Handlung kam
- Auflösende Rückwendung: am Ende des Textes werden Lücken aufgefüllt und fehlende Informationen nachgeliefert
- Eingeschobene Rückwendung: blendet vorangegangene Erlebnisse ein, um auf etwas zu verweisen oder etwas zu vertiefen
Vorausdeutungen:
- Unterbrechung, um Geschehnisse vorwegzunehmen
- Zukunftsungewisse Vorausdeutung: dem Horizont der Figur zugeordnet, subjektive Hoffnung oder Furcht ohne genaue Angaben zur Zukunft
- Zukunftsgewisse Vorausdeutung: dem Erzähler zugeordnet, der mehr weiß als die Figur und Angaben über das künftige Geschehen macht