Biografie
Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 18.10.1777 - † 21.11.1811)
- Heinrich von Kleist wurde am 18.10.1777 in Frankfurt a. d. Oder in Familie des Pommerschen Adels geboren. Seine Eltern waren der Major Joachim Friedrich von Kleist und dessen Frau Juliane. Kleist hatte insgesamt sechs Geschwister. Kleists Eltern verstarben bereits 1788 und 1793, sodass er bereits im Alter von 16 Jahren zum Vollwaisen wurde.
- Zunächst entschied er sich der Familientradition entsprechend für eine militärische Laufbahn und trat nach dem Besuch des Gymnasiums 1792 ins Potsdamer Garderegiment ein. 1799 verließ er das Militär, um zu studieren. 1799 begann er sein Studium an der Universität Frankfurt a. d. Oder. Er studierte u. a. Physik und Philosophie. Zur Zeit seines Studiums lernte er auch Wilhelmine von Zenge kennenlernte, mit welcher er sich 1800 verlobte.
- Im selben Jahr unternahm Kleid eine rätselhafte Reise nach Würzburg, die seine Berufung als Dichter hervorbrach und ihn dazu bewog, sein Studium abzubrechen.
- Sein Ziel, der bedeutendste Dichter der Nation zu werden, führte zu einer ambivalenten Beziehung mit Goethe, den er zugleich bewunderte und verabscheute.
- Im Jahr 1802 brach Kleist seine Verlobung, plante sogar, Landwirt in der Schweiz zu werden. Sein Leben war geprägt von chaotischen Reisen. Er versuchte, seine Freunde dazu zu bringen, sich gemeinsam mit ihm umzubringen. Am Kleinen Wannsee bei Berlin im Jahr 1811 endete sein Leben auf tragische Weise, indem Kleist zunächst Henriette und dann sich selbst erschoss.
Heinrich von Kleist; Kreidezeichnung von seiner ehemaligen Verlobten Wilhelmine von Zenge von etwa 1831/1837 (hier zum Nachweis)
Zeitliche Einordnung und typische Themen seiner Werke
- Kleists literarische Einordnung gestaltet sich komplex. Während man versucht, ihn in die Romantik einzuordnen, zeigt seine Stoffwahl, z. B. das Heranziehen von antiken und mythologischen Inhalten, auch Nähe zu klassischen Dichtungen. Auch in der literarischen Verarbeitung hält sich Kleist an den klassischen Dramenaufbau, kennzeichnend eher für die Dichter der Weimarer Klassik als für die Romantiker. Dennoch werden in Kleists Dramen die klassischen Stilprinzipien grob verletzt. So weicht das allgemein-menschliche, zivilisierende, klassische Element antiker Lyrik der Verwendung von besonderen und emotionalen, aber auch extremen und grausamen Textelementen. Er steht somit zwischen Klassik und Romantik, indem er etablierte Prinzipien beider Strömungen bricht und stattdessen persönliche Eigenheiten und originelle literarische Ideen in den Vordergrund stellt.
- Kleist setzt sich kritisch mit den gesellschaftlichen Normen seiner Zeit auseinander und parodiert die Unmenschlichkeit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Seine literarischen Themen konzentrieren sich auf innere Konflikte, insbesondere den Wettstreit zwischen dem Individuum und seinen gesellschaftlichen Pflichten. Seine Figuren stehen oft im Widerspruch zu Strukturen der Gesellschaft. Auch in Kleists Drama Penthesilea stehen die Konflikte zwischen individueller Freiheit und sozialen Erwartungen im Vordergrund.
- Spannungen zwischen Figuren und gesellschaftlichen Institutionen werden dabei oft durch Gewalt und Unterdrückung thematisiert. Der Autor greift die Themen Krieg und Gewalt in Werken wie Michael Kohlhaas auf, in denen der Protagonist zur Selbstjustiz greift, um gegen Unrecht vorzugehen. Kleist untersucht dabei die Auswirkungen von Gewalt auf die menschliche Natur. Die Gerichtskomödie Der zerbrochene Krug thematisiert Machtmissbrauch und die Konflikte zwischen Autorität und Recht.
- Die typischen romantischen Themen Liebe und Leidenschaft inmitten gesellschaftlicher Konventionen finden sich in einigen seiner Werke wie in seinem Drama Das Käthchen von Heilbronn wieder.
- Weiterhin erkundete Kleist oft die komplexen Aspekte der menschlichen Natur, z. B. die Unvorhersehbarkeit des Lebens und das Eingreifen des Schicksals in Das Erdbeben in Chili sowie die Themen existenzielle Verzweiflung und Drang zur Selbstzerstörung. Seine Charaktere stehen häufig vor existenziellen Fragen, inneren Konflikten und ethischen Dilemmasituationen. Exemplarisch dafür steht das Schicksal einer Frau in seiner weltberühmten Erzählung Die Marquise von O..., die ungewollt schwanger wird.
Form und Sprachstil
- Heinrich von Kleists schriftstellerische Vielfalt spiegelt sich in einem breiten Spektrum von Werken wider, darunter Tragödien, Komödien und Novellen. Im Gegensatz zu den Konventionen seiner Zeit verfasste er keine offensichtlich ästhetisch-programmatischen Schriften.
- Seine Dramen Die Familie Schroffenstein und Penthesilea folgen dem Dramenstil Shakespeares. Kleist verwendete außerdem den Blankvers, einen ungereimten, fünfhebigen Jambus. In Penthesilea nutzte er zusätzlich eine gehobene Sprache und beschrieb in plastischer Ausdrucksweise Grausamkeiten, inspiriert von der griechischen Tragödie.
- In seinen Beschreibungen von Gewaltakten und dramatischen Szenen setzte Kleist generell eine gewaltige Sprache ein, die sich durch Stakkato und Dynamik auszeichnet und somit zur Intensität seiner Darstellungen beitrug. Die gewaltige Dynamik wird zusätzlich durch seine unkonventionelle Interpunktion, die dem Rhythmus und der Rhetorik statt der Grammatik folgt.
- Zudem verwendete Kleist eine bildhafte, zum Teil auch emotionale Sprache, die oft durch metaphernreiche Ausdrücke und lebendige Beschreibungen geprägt war und integrierte detaillierte Beschreibungen von Handlungsorten und Figuren in seinen Werken. Häufig bevorzugte er Schauplätze, an denen mehrere Handlungen gleichzeitig abliefen. Die Dialoge in seinen Werken sind kraftvoll und ausdrucksstark. Kleists sprachliches Vorgehen trug trotz der häufigen Verwendung der indirekten Rede zur Authentizität seiner Erzählungen bei und verlieh seinen Werken eine sinnliche und poetische Qualität.
- Sein Sprachstil erscheint oft widersprüchlich, da er rohe Gewaltakte mit anziehender und bewegender Lyrik kombinierte, was seinen Werken Tiefe und Vielschichtigkeit verleiht.
- Ebenfalls charakteristisch für Kleists Sprachstil ist die häufige Verwendung von Hypotaxen, einer Konstruktion aus Haupt- und Nebensätzen. Hypotaxen ermöglichen es ihm, subtile Nuancen auszudrücken und genauere Beschreibungen zu liefern. Die Novelle Michael Kohlhaas zeichnet sich bspw. durch eine hohe syntaktische Komplexität aus. Trotzdem legte Kleist Wert auf Genauigkeit und Knappheit im sprachlichen Ausdruck. So gelingt es ihm, mit wenigen Worten und in wenig Zeit relativ viel zu erzählen.
- In seinen Novellen verwendete Kleist oft eine unzuverlässige Erzählperspektive. Dies trägt dazu bei, die Interpretation seiner Werke offenzuhalten und erzeugt eine gewisse Spannung bei den Leser*innen. Der unzuverlässige Erzähler schafft außerdem Raum für Ironie. Kleists geschickter Einsatz von Doppeldeutigkeit, Ironie und Paradoxon veranlassen die Leser*innen zum Nachdenken. Unter anderem sein Werk Der zerbrochene Krug ist für seinen satirischen Charakter bekannt.
- Trotz seines außergewöhnlichen Sprachstils hegte Kleist Zweifel daran, dass Sprache in der Lage ist, die Wirklichkeit vollständig abzubilden. Seine Äußerung, dass selbst die Sprache „nur zerrissene Bruchstücke“ liefern könne, zeigt seine Skepsis gegenüber der sprachlichen Abbildung von Realität und Emotion.
Ausgewählte Werke