Exilliteratur
Epochenmerkmale
Auf einen Blick- Zeit: 1930 (1933) - 1945 (1960)
- Geschichtlicher Hintergrund: Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg
- Autoren: Autoren, die gegen die Entwicklung in Deutschland sind und jüdische Autoren, die aus dem Land fliehen, für freie Meinungsäußerung und Sicherheit
- Merkmale: Freie Verse, freie Rhythmen, offene Formen
- Themen: Flucht, Heimatlosigkeit, Isolation; Natur als Bildbereich für politische und gesellschaftliche Kritik und Konfliktdarstellung
Definition
- Den Begriff Exilliteratur zu definieren ist insofern einfach, als alle Texte, die von deutschsprachigen Autoren im Exil, meistens in England, Nord- oder Südamerika verfasst wurden, unter den Begriff fallen. Das ist natürlich nur die oberflächliche Sichtweise und wird der Vielfältigkeit der Zeit nicht gerecht.
- Sehr viele Autoren nutzen die Textproduktion einerseits, um grausame eigene Erfahrungen zu verarbeiten und andererseits, um eine gesellschaftskritische und aufklärerische Funktion nachzugehen. Faschismus, Diktatur, Verfolgung und die strenge Zensur von Literatur zwangen viele Autoren dazu, das Land zu verlassen und von außen die Geschehnisse zu beobachten und ihr Schaffen im Ausland fortzusetzen.
- Im Inland entstand Literatur unter nationalsozialistischem Einfluss mit Führerideologie und Irrationalismus, die als Gegenposition zu den Texten gesehen werden kann, die im Exil zeitgleich entstehen. Ansonsten ist es nahezu unmöglich, eine gemeinsame Tendenz auszumachen, da die Autoren weniger miteinander vernetzt sind und in der ganzen Welt verteilt arbeiten.
Geschichtlicher Hintergrund
- In den 1930er-Jahren erlangte der Nationalsozialismus unter der Führung von Adolf Hitler in Deutschland an Macht. Die nationalsozialistische Ideologie war geprägt von rassistischem Gedankengut, Antisemitismus, autoritärem Regierungsstil und der Unterdrückung jeglicher Opposition.
- Der Zweite Weltkrieg begann offiziell im September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen und dauerte bis 1945. Aufgrund der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime flohen viele Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller aus Deutschland und anderen von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Sie suchten Zuflucht in anderen Ländern, insbesondere in den USA, Großbritannien, Frankreich und anderen Teilen der Welt.
- Die Exilliteratur war auch ein wichtiges Mittel des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und ein Instrument zur Bewusstseinsbildung über die Verbrechen und Grausamkeiten des Regimes. Sie trug dazu bei, die internationale Solidarität zu stärken und die Weltöffentlichkeit auf die Bedrohung durch den Faschismus aufmerksam zu machen.
Literarische Merkmale
- Themen: Situation im Heimatland, Flucht, Exil, Isolation, Verlust, Kulturkonflikt im neuen Land, Heimatlosigkeit und Entwurzelung, Identitätssuche, wirtschaftliche Probleme einer neuen Existenzgründung und familiäre Probleme durch die Flucht, kulturelle Konflikte, politische und soziale Kritik, Trauma und Erinnerung, Hoffnung
- Sprache und Stil: Die Sprache der Exilliteratur ist oft geprägt von emotionaler Tiefe und Intensität, da die Autoren ihre persönlichen Erfahrungen verarbeiten. Dabei nutzen sie häufig symbolische Sprache und metaphorische Bilder, um ihre Gefühle angemessen zum Ausdruck zu bringen.
- Literarische Gattungen: Viele Exilliteraturwerke sind Romane, die die Erfahrungen des Exils in fiktionalisierter Form darstellen. Außerdem sind auch Gedichte in der Exilliteratur vertreten, da sie oft eine direkte und emotionale Ausdrucksform bieten. Einige Autoren wählen autobiografische Formen, um ihre persönlichen Erfahrungen im Exil zu dokumentieren und zu reflektieren.
- Interkulturalität: Exilliteratur reflektiert oft die Erfahrung von Autoren, die zwischen verschiedenen kulturellen Einflüssen hin- und hergerissen sind. Dies kann sich in der Darstellung von Konflikten, Identitätsfragen und kulturellen Unterschieden in ihren Werken zeigen. Die Autoren verwenden oft eine Vielzahl von Sprachen in ihren Werken, um die Vielschichtigkeit ihrer Erfahrungen und Identitäten zu reflektieren. Dies kann sich in der Verwendung von Fremdwörtern, Übersetzungen innerhalb des Textes oder der Integration von Dialekten zeigen.
Naturbegriff
Formauflösung & Kritik
- Die Naturauffassung änderte sich insofern, als die Natur Mittel zum Zweck wird.
- Die Natur wird zudem als Metapher verwendet, um politische und gesellschaftliche Probleme zu thematisieren und in Texte zu integrieren.
- Die naive Naturauffassung und der Eskapismus, also die Flucht in die Natur durch die Naturmagische Schule ist überholt.
- Die Formauflösung der Zeit und das Verfassen von Gedichten über Naturgedichte in sachlich nüchterner Art, mit vielen Enjambements und mit freien Rhythmen wurden typisch.
- Kritik an der Zerstörung der Natur
- Kontrast zur fremden und urbanen Umgebung

Bertolt Brecht
- Der Autor Bertolt Brecht hatte eine ziemlich lange Schaffenszeit. Er lebte von 1898 bis 1956 und veröffentlichte zwischen 1913 und 1957 verschiedenste Texte, wodurch er allein zeitlich kaum in eine Epoche oder Strömung des 20. Jahrhunderts einzuordnen ist.
- Grundsätzlich hat er die Auffassung von Mensch und Natur als untrennbar verbundene Instanzen aufgelöst. Die Natur ist nicht mehr idyllisch verklärt oder religiös aufgeladen und wird nicht mehr ganzheitlich gesehen. Die Naturdarstellung in der Literatur dient Brecht und auch anderen Autoren dazu, die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten darzustellen. Durch die Natur werden die Missstände besonders durch den Nationalsozialismus und die Kriegszeit und die daraus resultierende Bedrohung für die Bevölkerung gezeigt.
- Formal äußert sich diese Abkehr von der idealisierten Natur durch freie Rhythmen und unregelmäßige Formatierungen. Brecht selbst sieht dadurch die Gedanken des Rezipienten gefordert und vermeidet den einschläfernden Charakter mancher regelmäßigen Rhythmen.
- 1938 verfasste Brecht im Exil nicht nur unser Beispielgedicht, sondern auch das Gedicht „An die Nachgeborenen“ mit den berühmt gewordenen Versen:
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! - Hierbei fallen sofort der politische und gesellschaftliche Kritikpunkt und die Kopplung an die Natur als Metapher auf. Das Zitat wurde häufig diskutiert und in anderen Texten auch immer wieder aufgenommen, umgewandelt und verarbeitet. Es zielt gegen die Herrschaft des Nationalsozialismus und kritisiert die Menschen, die über die Verbrechen schweigen und stattdessen an literarischen Formen von zuvor festhalten, die Naturdichtung nach altem Konzept weiterführen und neue Themen nicht in neuer Sprache umsetzen.
Exemplarisches Gedicht der Naturlyrik
Frühling 1938 (Strophe III, 1938) Bertolt Brecht
1
In den Weiden am Sund
2
Ruft in diesen Frühjahrsnächten oft das Käuzlein.
3
Nach dem Aberglauben der Bauern
4
Setzt das Käuzlein die Menschen davon in Kenntnis
5
Daß sie nicht lang leben. Mich
6
Der ich weiß, daß ich die Wahrheit gesagt habe
7
Über die Herrschenden, braucht der Totenvogel davon
8
Nicht erst in Kenntnis zu setzen.
Aus: Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. 1951, Suhrkamp Verlag. Brecht thematisiert die Bedrohung und das Unheil, das über die Menschen im Frühling 1938 hängt, besonders hervorgehoben durch das Symbol des Käuzleins, das nach dem Aberglauben der Bauern als Todesbote gilt. Es reflektiert die Atmosphäre von Angst und Unsicherheit während dieser Zeit, insbesondere für diejenigen, die sich gegen die herrschende Ordnung und Machtstrukturen positionieren, wie es der Sprecher des Gedichts tut.
Weitere wichtige Beispieltexte der Epoche:
- Berthold Viertel: Judengrab (1938)
- Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier (1943)
- Ingeborg Bachmann: Freies Geleit (1957)
- Hilde Domin: Nur eine Rose als Stütze (1959)