1950er bis heute
Epochenmerkmale
Auf einen Blick- Zeit: 1950er - heute
- Geschichtlicher Hintergrund: Zunächst noch Trennung in Westdeutschland und DDR, 1989 Mauerfall, umweltpolitische Themen, Jahrtausendwende, Terrorismus
- Autoren: Sehr durchmischt mit unterschiedlichen Beweggründen
- Merkmale: Offene Formen, wenige Reime, freie Verse, freie Rhythmen und zum Teil Auflösung der Strophen- und Versstruktur und damit Infragestellen der Gattungszuordnung
- Themen: Naturkatastrophen, Umweltverschmutzung, Naturschutz und natürliche Ressourcen, Gestaltung der Natur
Definition
- Die Literaturepoche der 1950er-Jahre bis heute, oft auch als zeitgenössische oder moderne Literatur bezeichnet, umfasst einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert. Diese Periode ist durch eine Vielzahl unterschiedlicher Strömungen, Stile und Themen gekennzeichnet.
- Die Literatur dieser Zeit reflektiert die Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung, indem sie sich mit Fragen der Identität, des Wandels, der Technologie, der Globalisierung und der individuellen Freiheit auseinandersetzt. Autoren haben neue Formen und Medien integriert und dabei innovative Wege gefunden, um ihre künstlerischen Visionen auszudrücken. Diese Epoche zeichnet sich durch ihre Offenheit für Experimente und ihre Fähigkeit aus, sich den sich ständig wandelnden kulturellen, sozialen und technologischen Realitäten anzupassen.
Geschichtlicher Hintergrund
- Zunächst muss man die Trennung Deutschlands in Westdeutschland und die DDR bis 1989 beachten, da sich dort deutliche Unterschiede im Literaturbetrieb ergeben. In Westdeutschland prägt das Wirtschaftswunder die Menschen. Schriftsteller sehen das schnelle Wohlstandswachstum allerdings kritisch und sehen die atomare Aufrüstung als Gefahr, die in Texten thematisiert wird. Daraus entstand ein ökologisches Bewusstsein vor allem in den 70er und 80er-Jahren. Umweltverschmutzung, Müllprobleme, Waldsterben und Reaktorkatastrophen sind Thema und damit die Natur wieder als Hauptaspekt in den Gedichten der Zeit zu finden.
- In der DDR prägt die sozialistische Gesellschaft und die Planwirtschaft den Blick auf die Natur. In unserem Beispielgedicht einer DDR-Autorin sieht man im Hintergrund die Kritik an der scheinbaren Idylle hin zur Ironisierung des Lebens in der DDR. Zensur war allerdings ein großes Thema, wodurch die literarische Freiheit nur bedingt ausgenutzt werden konnte. Die Natur als Bildbereich und die metaphorische Umsetzung und Verschlüsselung der Kritik am System sind in der DDR-Literatur zu entdecken.
- Ab 1989 wird die Wiedervereinigung und die dadurch entstandene neue Lebenssituation der Bevölkerung thematisiert.
- Die Globalisierung und Digitalisierung im 21. Jahrhundert haben zu einer Vielfalt neuer literarischer Stimmen geführt, die unterschiedliche kulturelle Perspektiven und Lebenserfahrungen repräsentieren.
Literarische Merkmale
- Sprache und Stil: Die Sprache in der Literatur seit den 1950er-Jahren ist oft einfacher und direkter geworden, wobei viele Autoren einen klaren, prägnanten Stil bevorzugen. Experimentelle und innovative Schreibstile haben an Bedeutung gewonnen. Autoren probieren neue Techniken und Formen aus, um ihre Geschichten zu erzählen. Postmoderne Autoren spielen außerdem oft mit Metafiktion und brechen die vierte Wand, indem sie den Leser direkt ansprechen oder traditionelle Erzählkonventionen hinterfragen.
- Themen und Motive: Reflexion der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen; Identität, Migration, Globalisierung, Umweltfragen, Technologie und soziale Gerechtigkeit, Frage nach der menschlichen Existenz und dem Sinn des Lebens, Suche nach individueller und kollektiver Identität
- Literarische Gattungen: Entstehung neuer literarischer Formen; Kurzgeschichten, Graphic Novels, Lyrik, experimentelle Prosa und nicht lineare Erzählformen sind in der zeitgenössischen Literatur weit verbreitet. Die Grenzen zwischen Literatur und anderen Kunstformen wie Film, Musik und bildender Kunst verschwimmen zunehmend.
Naturbegriff
Kritische Blickwinkel & Selbstreflexion
- Naturlyrik wird zum Zeichen einer Flucht vor der Wirklichkeit in einen vermeintlich heilen Naturraum.
- In der Naturlyrik gilt allgemein, dass Natur und Mensch nicht mehr in Harmonie leben. Der Mensch hat eine gestörte Beziehung zur Natur.
- Entweder werden kritische Aspekte der Politik anhand der Natur thematisiert oder eine Auflösung der Einheit zwischen Mensch und Natur durch menschliche Eingriffe ist zentral. Die Natur gilt als Opfer menschlicher Eingriffe.
- Ökolyrik beklagt die Naturzerstörung und Umweltverschmutzung
- Kritik an der Technik
- Naturbilder dienen zur Selbstspiegelung und Reflexion des lyrischen Ichs
- Heute wird noch viel mehr das Spiel mit der Form zum Hauptaspekt der Lyrik. Gedichte sind teilweise so verfremdet, dass der Inhalt in den Hintergrund rückt und die Form die vollständige Aufmerksamkeit des Lesers fordert.
- Im heutigen Zeitalter der Digitalisierung spielt außerdem der Gegensatz zwischen Natur und Künstlichkeit eine wichtige Rolle.
Exemplarisches Gedicht der Naturlyrik
Im Sommer (1976) Sarah Kirsch
1
Dünnbesiedelt das Land.
2
Trotz riesigen Feldern und Maschinen
3
Liegen die Dörfer schläfrig
4
In Buchsbaumgärten; die Katzen
5
Tritt selten ein Steinwurf.
6
Im August fallen Sterne.
7
Im September bläst man die Jagd an.
8
Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch.
9
Durch unvergiftete Wiesen. Ach, die Wolken
10
Wie Berge fliegen sie über die Wälder.
11
Wenn man hier keine Zeitung hält
12
Ist die Welt in Ordnung.
13
In Pflaumenmuskesseln
14
Spiegelt sich schön das eigne Gesicht und
15
Feuerrot leuchten die Felder.
Aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche. 1973, Verlag Neues Leben.
- Das Gedicht beschreibt eine ländliche Umgebung, die trotz ihrer Weite und Ruhe von einer einfachen, unkomplizierten Lebensweise geprägt ist, in der Naturphänomene wie der Flug der Graugans und der Storch noch ungestört stattfinden.
- Es vermittelt ein Gefühl der Verbundenheit mit der Natur und der Entschleunigung vom modernen Leben.
Weitere wichtige Beispieltexte der Epoche:
- Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh (1979)
- Durs Grünbein: An der Elbe (1988)
- Sarah Kirsch: Ferne (1992)
- Jürgen Jonas: Danach (2011)
- Rike Richstein: Endlos (2013)