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Neue Sachlichkeit

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Zeit: 1920-1933 (1938)
  • Geschichtlicher Hintergrund: Durch die technische Entwicklung ist es inzwischen der breiten Masse möglicher, sich über Medien wie Zeitschriften, Bücher und Radio über nationale sowie internationale Nachrichten zu informieren. Damit geht ein erhöhtes Bildungsniveau einher, welches sich auch in den kritischen Haltungen der Menschen widerspiegelt.
  • Autoren: Die bedeutendsten Lyriker dieser Zeit sind Bertolt Brecht, Erich Kästner und Kurt Tucholsky.
  • Merkmale: Die Dichter der Neuen Sachlichkeit entfernen sich bewusst von der Mehrdeutigkeit und der verschlungenen Symbolik des Expressionismus. Sie sehen sich in der Tradition der Realisten, nur wollen sie noch sachlicher und direkter sein als diese.
  • Themen: Themen sind die Probleme der Gesellschaft und deren Wirklichkeit: Trennung, Vergänglichkeit, Leidenschaft, Lust, die moderne Beziehung, Gefühllosigkeit.

Definition

  • Die Epoche der Neuen Sachlichkeit bedeutet, dass an die Stelle komplizierter Metaphern ein klarer Ausdruck und feste Formen treten, die einen Gebrauch der Lyrik ermöglichen sollen.
  • Zwar behandeln die meisten Werke der Neuen Sachlichkeit im Besonderen den Aufbau der Gesellschaft, doch sind oben genannte Themen auch gesellschaftlich bedeutsam.

Allgemein

  • Der Erste Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft, was zu einem Verlust an Vertrauen in etablierte Institutionen und Ideale führte.
  • Die Weimarer Republik stand vor politischen Unruhen, extremistischen Bewegungen und wirtschaftlichen Problemen. In den 1920er-Jahren prägten technologischer Fortschritt und kulturelle Umwälzungen die Zeit, während Autoren der Neuen Sachlichkeit eine nüchterne und ungeschönte Darstellung des Alltagslebens anstrebten.
  • Unter der Neuen Sachlichkeit versteht man die Zeit zwischen 1920 und 1933. Die Autoren, welche sich der Neuen Sachlichkeit verbunden sahen, nahmen den Realismus als Vorbild ihrer Kunst, wobei sie radikaler, nüchterner und analytischer sein wollten als Autoren wie Theodor Fontane.
  • Die Autoren der Neuen Sachlichkeit waren Sozialisten und sahen die Kritik an der bestehenden Gesellschaft als Kernthema ihrer Kunst. Kunst sollte zu etwas nützlich sein, man sollte sie „gebrauchen“ können - unter diesem Gesichtspunkt prägte Bertolt Brecht (1898-1956) den Begriff der Gebrauchslyrik, die nicht nur subjektiver Gefühlsausdruck sein sollte wie etwa die Gedichte Rainer Maria Rilkes.
  • Bertolt Brecht nimmt in der Neuen Sachlichkeit eine Sonderrolle ein: Er verwendete oftmals eine reiche Natursymbolik (die jedoch stets leicht verständlich bleibt) und verfasste auch viele sehr persönliche Gedichte, die sich nicht in die Strömung der Neuen Sachlichkeit einordnen lassen.
  • Vor allem in der Zeit seines Exils (1933-1948) schrieb er viele Gedichte, die sich mit seiner derzeitigen Lebenssituation befassen. Die Betonung der Erotik und des starken Mannes in seinen früheren Gedichten wandelte sich hin zu einer Lyrik über die Verletzlichkeit und den Halt, den die Frauen Brecht in seiner heiklen Lage gaben.
  • Auch sollte die Lyrik nicht so metaphorisch-realitätsfremd sein wie einige expressionistische Werke. Die Autoren der Neuen Sachlichkeit kritisierten die Tendenz früherer und aktueller Autoren, das Gefühl in den Mittelpunkt der Kunst zu stellen. Um eine Gesellschaft, die im Wandel begriffen war, zu verändern, blickten diese Autoren sachlich und genau auf die bestehenden Verhältnisse und das Leben der Menschen um sie herum.
  • Das heißt nicht, dass das Gefühl aus der Literatur verschwindet, tatsächlich gibt es einige Liebesgedichte aus dieser Epoche. Diese sind aber nicht stark subjektiv, sondern behandeln Themen wie das Altern, das Scheitern von Beziehungen, die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens, welche allesamt auch gesellschaftlich relevant sind.
  • Sowohl subjektive als auch gesellschaftliche Erfahrungen flossen in die Liebesgedichte ein. Auch sie sollten vom Leser gebraucht werden und ihm zum Denken anregen.

Sprache und Form

  • Die Neue Sachlichkeit wollte nicht das formale und sprachliche Gefüge aufbrechen wie der Expressionismus. Zwar suchten auch die Autoren dieser Zeit nach Möglichkeiten, ihr Botschaft besser zu vermitteln, doch als Ende dieser Suche galt ihnen ein Stil, der dem Leser leicht zugänglich ist.
  • Viele Gedichte aus der Neuen Sachlichkeit sind daher klar strukturiert: So schrieb Bertolt Brecht eine Vielzahl an Sonetten, der Vierzeiler war die häufigste Strophenform. Die Form sollte nicht gebrochen werden, sondern als Gerüst dienen, um eine Verständlichkeit und einen logischen Aufbau der Gedichte zu ermöglichen.
  • Durch den Bezug auf gesellschaftliche und politische Problematiken verwendeten die Autoren der Neuen Sachlichkeit einen nüchternen, beobachtenden Stil. Es ging ihnen nicht um die Darstellung eines subjektiven Erlebnisses, sondern um die Analyse eines größeren Sachverhalts.
  • Auch die Liebesgedichte folgen diesem Prinzip zumeist. Statt des Pathos etwa Else Lasker-Schülers findet sich die genaue Beobachtung und sachliche Schilderung des Geschehens in den Gedichten. Verständlich und direkt sollte die Sprache sein; unverständliche Metaphern und Neologismen, die bewusst ungewöhnlich waren, fanden keine Verwendung.
  • Zwar gibt es aus dieser Zeit auch einige Gedichte von Brecht, die subjektiv und emotional sind, doch benutzt Brecht selbst in diesen eine klare, zum Sachlichen tendierenden Sprache. Auch diese Gedichte sollen vom Leser benutzt werden.

Exemplarisches Gedicht der Liebeslyrik

Entdeckung an einer jungen Frau
Bertolt Brecht
1
Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
2
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
3
Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
4
Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehn.
5
Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
6
Warum ich, Nachtgast, nach Verlauf der Nacht
7
Nicht gehen wolle, denn so war‘s gedacht
8
Sah ich sie unumwunden an und sagte:
9
Ist‘s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
10
Doch nütze deine Zeit; das ist das Schlimme
11
Daß du so zwischen Tür und Angel stehst
12
Und laß uns die Gespräche rascher treiben
13
Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst.
14
Und es verschlug Begierde mir die Stimme.

Aus: Bertolt Brecht: Svendborger Gedichte. 1939, Suhrkamp Verlag.
  • Brechts Sonett thematisiert das Verhältnis von Liebe, Vergänglichkeit und Leidenschaft. Dem lyrischen Ich wird beim Abschied von seiner Geliebten gewahr, dass diese altert.
  • Anstatt deswegen zu erschrecken, verstärkt die Vergänglichkeit die Begierde des lyrischen Ichs und bindet dieses stärker an die Geliebte: Statt zu gehen, wie es geplant war, bleibt es, es möchte die gemeinsame Zeit intensiver nutzen.
  • Wie selbstverständlich nimmt das lyrische Ich die Brust der Geliebten in die Hand (Z. 5), in Anbetracht der Vergänglichkeit entwickelt es in erster Linie (sexuelle) „Begierde“ (Z. 14).
  • Nur scheinbar ist dieses Gedicht die rein subjektive Äußerung des lyrischen Ichs. Auch dieses Sonett soll vom Leser gebraucht werden. So ist die Sprache trotz der Thematik sehr sachlich, klar und direkt.
  • Brecht beschreibt eine moderne Beziehung, in der die Körperlichkeit eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle spielt.
  • Direkt ist auch die Antwort des lyrischen Ichs an seine Geliebte, dass sie „vergeht“. Die Position zwischen Tür und Angel ist das einzige Symbol, das er verwendet. Es verdeutlicht den Übergang von der Jugend zum Alter sowie die Unentschlossenheit in Bezug auf die Beziehung des lyrischen Ichs und der Frau.
  • Brecht plädiert also in diesem Gedicht für eine größere Leidenschaft in Anbetracht der Vergänglichkeit. In der begrenzten Zeit, so die Aussage des Sonetts, soll intensiv gelebt werden.