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Gegenwart

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Zeit: Anfang des 20. Jahrhunderts - heute
  • Geschichtlicher Hintergrund: Die Fülle an Stilen und dichterischen Ideen hat nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entstehung einer postmodernen Lyrik geführt. Die Postmoderne ist eine Strömung, die sich sowohl zu den Einflüssen früherer Epochen bekennt als auch diese zu überwinden versucht.
  • Autoren: Als Beispiel moderner Liebeslyrik werden in Abiturprüfungen neben Sarah Kirsch auch gerne die Werke von der Autorin Ulla Hahn verwendet.
  • Merkmale: Vor dem Hintergrund einer individualistischen Gesellschaft, in der Eigenständigkeit, Leistung und persönliche Ziele wichtige Werte sind, ist auch die moderne Lyrik sehr individualistisch. Moderne Gedichte zeichnen sich häufig durch ihre Mehrdeutigkeit und ihre Abkehr von traditionellen lyrischen Formen aus.
  • Themen: Die Dichter schöpfen ihre Symbolik aus der Vergangenheit und entfremden diese; sie beschäftigen sich mit den subjektiven Erfahrungen der Liebe und mit dem Verhältnis von Unabhängigkeit und emotionaler Abhängigkeit sowie dem von Alltag und Liebe.

Definition

  • Die Vielzahl der Epochen und Strömungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts hat das Verständnis von Kunst erweitert. Expressionisten wie Autoren des Fin de Siècle haben die Form der Gedichte aufgebrochen; sie stellen die Extreme von radikalem Rückzug in die Innerlichkeit und radikalem Ausdruck des Inneren dar.
  • Gleichzeitig haben der Realismus und die Neue Sachlichkeit die gesellschaftliche Wirklichkeit zum Thema der Liebeslyrik erhoben. Die Fülle an Stilen und dichterischen Ideen hat nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entstehung einer postmodernen Lyrik geführt. Die Postmoderne ist eine Strömung, die sich sowohl zu den Einflüssen früherer Epochen bekennt als auch diese zu überwinden versucht.
  • Generell ist die Lyrik der Gegenwart so vielfältig, dass sich kaum allgemeine Aussagen über sie treffen lassen. Wir leben in einer international vernetzten Welt, unser gesellschaftliches System lässt dem Individuum vielfältige persönliche Freiheiten.
  • Dieser Individualismus zeigt sich natürlich auch in der Lyrik, Originalität ist ein bedeutsames Merkmal, um sich von anderen Individuen abzugrenzen, und so sind auch die verschiedenen Stile der Gegenwart stark individuell.

Allgemein

  • Als verbindendes Element moderner Liebeslyrik gilt aber letztlich die Subjektivität: Die ganz persönliche Sichtweise auf die Liebe ist ein beliebtes Motiv, wobei manche Dichter sich bewusst vom traditionellen Wertesystem entfernen.
  • Die Vielzahl der Eindrücke und Meinungen in unserer Gesellschaft findet ebenfalls Einzug in die Lyrik. So haben manche Gedichte fragmentarischen Charakter oder thematisieren die Identitätskrise des lyrischen Ichs in Bezug auf die Liebe, die es in Verwirrung stürzt.
  • Weiterhin sind Grunderfahrungen der Liebe wie Abschied, Schmerz und Leidenschaft beliebte Themen. „Besonders“ modern ist zudem die Behandlung des Verhältnisses von Liebe und Alltag: Im Zuge der Gleichberechtigung der Geschlechter löst sich der von Männern beherrschte Aufbau der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts auf; Frauen sind fest im Arbeitsleben integriert.
  • Die Liebe muss heutzutage auch wirtschaftlich funktionieren, wodurch sich ein Gegensatz von den Bedürfnissen des Alltags und dem subjektiven Liebesbedürfnis ergibt. Zudem stehen sich in modernen Gedichten oft der Wunsch des lyrischen Ichs nach persönlicher Unabhängigkeit und der Wunsch nach Liebe entgegen.

Sprache und Form

  • Sprache und Form moderner Gedichte hängen stark vom jeweiligen Dichter/ der jeweiligen Dichterin ab. Sowohl traditionelle als auch unkonventionelle Formen finden - je nach Aussageabsicht - Verwendung.
  • Eine Besonderheit moderner Lyrik ist aber die Auflösung der traditionellen Formen und Gattungen. So sind viele moderne Gedichte nicht nach Strophen geordnet, enthalten weder ein festes Metrum noch ein Reimschema. Der Text steht bei vielen modernen Gedichten im Vordergrund.
  • Ebenso breit gesät sind die sprachlichen Stile. Gesteigerte Leidenschaftlichkeit findet sich ebenso wie nüchtern-sachliche Betrachtung. In unserer Zeit scheuen sich die Dichter auch nicht davor, Alltags- und Umgangssprache in ihren Gedichten zu verwenden, ebenso wie Anglizismen.
  • Prägend für viele moderne Gedichte ist die Mehrdeutigkeit des Textes. Diese wird erreicht durch absichtlich zweideutige Formulierungen und durch eine Metaphorik bzw. Symbolik, die vom Leser erst ergründet werden muss und von der gewöhnlichen Verwendung von Symbolen abweicht.
  • Romantische, bereits mit Assoziationen belegte Symbole wie der Mond (Liebe, Magie, Sehnsucht) werden gerne entfremdet und mit völlig anderen Gefühlen besetzt.

Beispiel für moderne Liebeslyrik

Die Luft riecht schon nach Schnee
Sarah Kirsch
1
Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
2
Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter der uns
3
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
4
Mit dem Windhundgespann. Eisblumen
5
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
6
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß
7
Ich sage das ist
8
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
9
Mitten ins Herz, er glüht
10
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel.

Aus: Sarah Kirsch: Die Luft riecht schon nach Schnee. 1974, Verlag Neues Leben.
  • Das Gedicht ist formal deutlich der Gegenwartsliteratur zuzuordnen. Es gibt weder ein einheitliches Reimschema noch ein Versmaß, welches beim Lesen eine akustische Strukturierung vorgibt.
  • Auch die Länge der einzelnen Verse unterscheiden sich, sowie die Trennung in zwei unterschiedlich lange Strophen. Die Sätze sind sehr lang und verschachtelt und erstrecken sich mit Enjambements über mehrere Verse. Diese offene Form passt zu der bildhaften und uneindeutigen Sprache.
  • Die Metaphern im Text sind zum Teil Neologismen und uneindeutig zu interpretieren (siehe Oxymoron „glühender Schnee“ (Vgl. Z. 9).
  • Der untypische Satzbau im Zuge der Inversion (Z. 4) lässt den Leser innehalten und verstärkt somit die Wirkung der Metapher.
  • Die Verwendung von der Ansprache Darling zeigt den typischen internationalen Sprachgebrauch der Gegenwartslyrik, wobei in anderen Texten deutlich mehr Anglizismen verwendet werden.
  • Natürlich sind hier nur einige Aspekte aufgeführt, aber grundsätzlich lassen sich viele Merkmale der Gegenwartslyrik analysieren.