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Realismus

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Definition: Der Realismus ist in der Literaturgeschichte eine geistige Strömung des 19. Jahrhunderts. Als literarische Epoche bezieht sich der Begriff meist auf die Zeit zwischen 1848 und 1890. In Deutschland formierte sich im Gefolge der Märzrevolution von 1848 der Realismus im Gewand des bürgerlichen oder poetischen Realismus zur bestimmenden Stilrichtung.
  • Einordnung: zwischen Romantik und Moderne
  • Geschichtlicher Hintergrund: Die Literatur im 19. Jahrhundert war in der ersten Hälfte des Jahrhunderts stark von der repressiven Politik im Vormärz bestimmt. Mit der Märzrevolution von 1848 wandelten sich die Bedingungen, unter denen Literatur geschrieben und verbreitet werden konnte, massiv. Hinzu tritt ein durch die Industrialisierung beflügelter Optimismus und Fortschrittsglaube, der sich auch in den Themen der Werke widerspiegelt. Gleichzeitig finden auch die negativen Aspekte, die mit der fortschreitenden Industrialisierung einhergehen, ihren Ausdruck in literarischen Werken dieser Zeit.
  • Merkmale: Die Vertreter des Realismus waren bestrebt, die Wirklichkeit so „echt“ wie möglich abzubilden. Die gesellschaftlichen/sozialen Umstände sollten nicht mittels Kunst idealisiert und überhöht werden, sondern realistisch und detailgetreu beschrieben werden.
  • Themen: Historische Stoffe (Einflüsse vom Historismus), soziale Fragen (bedingt durch das Aufkommen von Arbeiterbewegung und -aufständen), Persönlichkeit und Individualismus.
  • Leitsatz: „Realismus ist die künstlerische Wiedergabe des Lebens. Also Echtheit, Wahrheit...“ (Theodor Fontane)
  • Autoren: Fontane, Storm, Keller, Freytag und Stifter

Definition

  • Die Bezeichnung Realismus geht vermutlich auf das lateinische Wort res (Sache, Ding, Wirklichkeit) zurück. „Realistisch“ bezeichnet dabei eine bestimmte Methode, mit der man versuchte, die Wirklichkeit künstlerisch zu verarbeiten. Der Realismus als literarische Darstellungsform findet sich schon bei den alten griechischen Philosophen wie Platon und Aristoteles.
  • Am Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr diese Stilrichtung wieder einen erneuten Aufschwung und wurde in Gestalt des Bürgerlichen und Poetischen Realismus populär. Ausgehend von Frankreich, wo der Begriff besonders im Umfeld von Jules Champfleury (mit seiner Aufsatzsammlung Le réalisme, 1857) geprägt wurde, breitete sich diese geistige Strömung schnell aus.
  • Als literarische Epoche bezieht sich der Realismus besonders auf die französische, deutsche, englische, russische und auch amerikanische Literatur. Im Zuge des industriellen Fortschritts veränderten sich die gesellschaftlichen Lebenswelten breiter Bevölkerungsschichten. Darauf reagierten auch Schriftsteller und Literaten dieser Zeit: Sie zielten fortan darauf ab, die Lebensverhältnisse der Menschen exakt und detailliert darzustellen und zu analysieren. So entstanden ausführliche Milieustudien und umfangreiche Beschreibungen von individuellen Lebensumständen. Eine beliebte literarische Gattung war in dieser Zeit die Novelle.

Geschichtlicher Hintergrund

    Deutsch Basiswissen Bawü Sonntagsspaziergang Carl Spitzweg 1841
    Carl Spitzweg: Sonntagsspaziergang (1841) (hier zum Nachweis)
  • In Verbindung mit Missernten um die Jahrhundertmitte kommt es parallel dazu zu Hungersnöten. Die unteren Bevölkerungsschichten befinden sich zunehmend in einem existenziellen Überlebenskampf. Die Migrationsbewegung breiter Bevölkerungsmassen vom Land in die Stadt konfrontiert das sich dort gerade neu etablierende Bürgertum mit neuen Herausforderungen.
  • Soziale Spannungen sind die Folge dieser Entwicklungen. Neben diesen gesellschaftlichen Veränderungen bestimmen ab der Mitte des Jahrhunderts neue politische Bestrebungen das Geschehen. Wo noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die repressive Politik des Deutschen Bundes (unter Führung des österreichischen Staatskanzlers Metternichs) im sogenannten Vormärz den Literaturbetrieb durch Verbot und Zensur stark einschränkte und hemmte, brechen mit der Märzrevolution der Jahre 1848/49 die restaurativen Beschränkungen kurzzeitig auf.
  • Das im Umfeld dieser Jahre entstehende neue Selbstbewusstsein des Bürgertums spiegelt sich auch in der Literatur wider. Allerdings ist diese Lockerung in der Kunst- und Kultursphäre nur von kurzer Dauer. Mit dem endgültigen Scheitern der Revolution schwinden auch die Hoffnungen der Menschen auf politische Mitbestimmung und persönliche Gestaltungsmöglichkeiten. Es gilt fortan, sich neu zu verorten und sich neue Positionen und Nischen zu schaffen. Dieser Umstand gilt auch für den Literaturbetrieb.

Zeitgeist

  • Die veränderten gesellschaftlichen und politischen Umstände seit der Jahrhundertmitte finden ihren Niederschlag auch im Kunst- und Kulturbetrieb. Dazu gesellt sich ein von den Naturwissenschaften bestimmtes Weltbild. Diese beiden Motive - die neue Lebensrealität der Menschen und eine neue, von den Naturwissenschaften dominierte Sicht auf die Welt - sind die Themen, die Literaten und Schriftsteller in ihren Werken verarbeiten.
  • Die Geschichten, die erzählt werden, und die Protagonisten dieser Erzählungen werden realistisch beschrieben. Diese Erfahrungs- und Lebenswirklichkeiten der Menschen sind der zentrale Stoff der realistischen Literatur. Künstler und Schriftsteller versuchten das tägliche Leben, soziale Strukturen und menschliche Beziehungen realistisch abzubilden. Insbesondere der Alltagsrealismus, also die Darstellung alltäglicher und gewöhnlicher Szenen, Figuren und Problemen, ist typisch für diese Epoche.
  • Dabei geht es den Vertretern des Realismus nicht nur um die bloße Abbildung der Realitäten - so wie es im radikalen Naturalismus propagiert wird - sondern Kunst und künstlerische Stilmittel und Gestaltung dienen nach wie vor zur Ausgestaltung dieser Wirklichkeitsbeschreibungen. Besonders im deutschsprachigen Raum setzt sich diese Tendenz in Form des Poetischen Realismus durch. Realistische Werke waren darauf ausgerichtet, die Welt nüchtern und ohne romantische Verklärung zu zeigen. Ziel der Künstler im Realismus war es nicht, die Missstände ihrer Zeit anzuprangern, sondern sie verstanden sich selbst eher als distanzierte Beobachter, die nur selten persönliche Stellungnahmen abgaben.

Literarische Merkmale

  • Im Realismus wurde eine klare, präzise, aber distanzierte Sprache bevorzugt, die darauf abzielte, die Realität so genau wie möglich darzustellen.
  • Themen: Lebensformen, Alltagsleben des Bürgertums, soziale Realität, historische Ereignisse, Psyche, Liebe, Vergänglichkeit, Heimat, Natur
  • Im Gegensatz beispielsweise zur Epoche der Romantik ist im Realismus die Authentizität wichtigstes Stilmerkmal. Die Lebenswelt der Individuen auf der einen Seite und die Kunst auf der anderen Seite werden nicht mehr separat voneinander betrachten, sondern bei den Vertretern des Realismus zusammengeführt und verarbeitet.
  • Die Wirklichkeit wird in ästhetischer und poetischer Form dargestellt. So finden sich auch in realistischen Werken ästhetische Stilmittel und Ausschmückungen.
  • Im Realismus war eine größtmögliche Objektivität wichtig. Somit blieb auch der Erzähler in realistischen Texten möglichst objektiv und bewertete das Geschehen nicht, sondern beschrieb es ausschließlich.
  • Literarische Gattungen: Die Epik war die wichtigste literarische Gattung des Realismus. Roman und Novelle waren die bevorzugten Genres dieser Epoche.
  • Durch die Verwendung von Humor und Ironie sollte eine Distanz zur Realität aufgebaut und indirekt Kritik ausgeübt werden.

Wichtige Autoren und Werke

  • Theodor Fontane (* 1819 - † 1888): Effi Briest (1895), Irrungen, Wirrungen (1888), Frau Jenny Treibel (1892)
  • Theodor Storm (* 1817 - † 1888): Der Schimmelreiter (1888)
  • Gustav Freytag (* 1816 - † 1885): Soll und Haben (1855)
  • Conrad Ferdinand Meyer (* 1825 - † 1898): Die Heilige (1877)
  • Wilhelm Raabe (* 1831 - † 1910): Der Hungerpastor (1877)