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Naturalismus

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Zeit: 1880 - 1900
  • Geschichtlicher Hintergrund: Industrialisierung, Wilhelminismus, Verstädterung
  • Autoren: Kleine Gruppen mit sozialistisch eingestellten Autoren, die teilweise durch Zensur eingeschränkt werden.
  • Leitsatz: Kunst = Natur - x
  • Merkmale: Realistische Darstellung der Welt inklusive negativer Aspekte, keine Verklärung, Provokation.
  • Themen: Naturwissenschaft, Evolutionstheorie, Technik, Armut, soziale Missstände

Definition

  • Im Naturalismus ist der Einfluss der Naturwissenschaft ganz wichtig. Naturalisten gehen davon aus, dass Vererbung und Natur den Menschen prägen. Dazu trugen besonders Darwins Evolutionstheorien bei. Außerdem sind psychische Zustände und geistige Krankheiten neue Themen, die das Interesse wecken.
  • Die Naturalisten wollen im Gegensatz zu den Realisten zwar ebenfalls die Wahrheit darstellen, jedoch aus unverklärter Sicht und damit auch Themen wie Armut, Missstände und gesellschaftliche Probleme. Die Natur gilt als allgemeingültiges Prinzip, auch für die Kunst und die Leitformel von Arno Holz Kunst = Natur - x soll genau das ausdrücken.
  • Die Naturalisten stellen sich gegen den Obrigkeitsstaat und den Wilhelminismus. Die nationale Haltung des Bürgertums wird verabscheut. Der industrielle Fortschritt ist prägend für die Gesellschaftsstruktur. Die Arbeiterschicht wächst und es bilden sich mehr und mehr Großstädte. Die soziale Frage ist die Leitfrage des Naturalismus. Durch die Industrialisierung entstehen negative Folgen und die Naturalisten lehnen die Profitgier und Fortschrittswut der Mächtigen ab. Sie bilden eine soziale Gegenbewegung und wollen auf Missstände, Armut und Verelendung der Kultur hinweisen.

Geschichtlicher Hintergrund

  • Die Industrialisierung führte zu einer grundlegenden Umgestaltung der Wirtschafts- und Sozialstrukturen in Europa. Die Einführung von Maschinen, die Entstehung von Fabriken und die Verlagerung von Menschen vom Land in die Städte prägten die Lebensbedingungen vieler Menschen. Der Naturalismus reflektierte diese Veränderungen, indem er häufig die harten Arbeitsbedingungen, die sozialen Missstände und die Entfremdung der Menschen in der modernen industriellen Gesellschaft thematisierte.
  • Der Wilhelminismus bezieht sich auf die Regierungszeit von Kaiser Wilhelm I. und seinem Nachfolger Wilhelm II. in Deutschland. Diese Ära zeichnete sich durch nationalistische Bestrebungen, imperiale Ambitionen und eine starke Betonung von Autorität und Ordnung aus. Die Autoren des Naturalismus reagierten auf diese Zeit, indem sie oft die autoritären Strukturen und die rigide Gesellschaftskontrolle kritisierten. Die naturalistischen Autoren zeigen demnach auch oft eine pessimistische Sicht auf die Gesellschaft und die menschliche Natur.
  • Die zunehmende Urbanisierung brachte neue soziale Probleme mit sich, darunter überfüllte Wohnverhältnisse, Armut, Kriminalität und die Entfremdung der Menschen voneinander. Der Naturalismus porträtierte oft das Leben in den Städten als dehumanisierend und entfremdend. Autoren und Künstler dieser Zeit konzentrierten sich darauf, das Elend und die Tragödien des städtischen Lebens realistisch darzustellen.

Literarische Merkmale

  • Themen: Soziales Elend, Armut, Entfremdung und Vereinsamung, Determinismus (Die Vorstellung, dass das menschliche Verhalten und Schicksal durch äußere Kräfte wie Umwelt, Erziehung und Biologie vorherbestimmt sind.)
  • Sprache und Stil: Objektivität und Sachlichkeit, detailreiche Beschreibungen, Verwendung von Umgangssprache und Dialekten
  • Literarische Gattungen: Der Naturalismus fand vor allem in längeren erzählerischen Formen wie Romanen und Novellen Ausdruck, die es den Autoren ermöglichten, komplexe soziale und psychologische Themen ausführlich zu behandeln. Auch im naturalistischen Drama spiegelte sich der Fokus auf realistische Darstellungen wider, oft mit einer Betonung auf Konflikte und das soziale Umfeld der Charaktere.
  • Kritik an gesellschaftlichen Missständen: Der Naturalismus war oft von einer kritischen Haltung gegenüber den sozialen Strukturen und Missständen seiner Zeit geprägt, wobei Autoren diese Probleme direkt in ihren Werken ansprachen.
  • Betonung auf Beobachtung und Dokumentation: Naturalistische Autoren legten großen Wert darauf, das menschliche Leben und die Gesellschaft genau zu beobachten und zu dokumentieren, oft basierend auf wissenschaftlichen Methoden.
Deutsch Basiswissen Naturalismus Naturlyrik
Jean-François Millet: Der Sämann (1850) (hier zum Nachweis)

Naturbegriff

Kunst = Natur - x

  • Industrialisierung und Urbanisierung als Kontrast zur Natur
  • Natur wird aus der Sicht der Großstädter wahrgenommen
  • Naturwahrnehmung ist distanziert, beschreibend und objektiv
  • Literatur nach dem Vorbild der Wissenschaften: Kunst ist Nachahmung (Mimesis) der Natur, welche aber (z.B. bedingt durch die Subjektivität des Künstlers) nur begrenzt möglich ist.
  • Arno Holz’ Gleichung: Kunst = Natur - x

Exemplarisches Gedicht der Naturlyrik

Winter (1863)
Arno Holz
1
Du lieber Frühling! Wohin bist du gegangen?
2
Noch schlägt mein Herz, was deine Vögel sangen.
3
Die ganze Welt war wie ein Blumenstrauß,
4
längst ist das aus!
5
Die ganze Welt ist jetzt, o weh,
6
Barfüßle im Schnee.
7
Die schwarzen Bäume stehn und frieren,
8
im Ofen die Bratäpfel musizieren,
9
das Dach hängt voll Eis.
10
Und doch: bald kehrst du wieder, ich weiß, ich weiß!
11
Bald kehrst du wieder,
12
o nur ein Weilchen,
13
und blaue Lieder
14
duften die Veilchen!

Weitere wichtige Beispieltexte der Epoche:

  • Arno Holz: Frühling (1885)
  • Arno Holz : Großstadtmorgen (1886)
  • Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel (1888)
  • Arno Holz: Dreizehn verluchzende Ikten (1898/99)
  • Gerhart Hauptmann: Die Weber (1892)