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Neue Sachlichkeit

Bevor wir uns mit den Epochen nach dem Expressionismus beschäftigen, müssen wir uns noch einmal bewusst machen, dass Epochen Konstrukte der Literaturwissenschaft sind, die nachträglich über die Literaturgeschichte gestülpt wurden. Man muss also Epochenzuordnungen immer kritisch sehen und es ist durchaus üblich, dass nicht alle Merkmale einer Epoche auch in einem Text der Epoche vorkommen. Besonders im 20. Jahrhundert ist der Stilpluralismus und das Nebeneinander verschiedenster Textformen und Strömungen kaum mehr zu fassen.

Epochenmerkmale

Auf einen Blick
  • Zeit: 1920-1933 (1938)
  • Geschichtlicher Hintergrund: Informationen und Medien werden für die breite Bevölkerung immer wichtiger und zugänglicher.
  • Merkmale: Klare Formen und Inhalte, sehr objektiv, hin zum Journalismus; Sachtexte und nicht-fiktive Texte werden wichtig.
  • Themen: Technik, Industrie, Medien, Wissenschaft, Stadt

Definition

  • Die Epoche der Neuen Sachlichkeit bildet eine Gegentendenz zu den abstrakten Inhalten und Formauflösungen des Expressionismus und Dadaismus. Geordnete Texte, klare Formen und eine eindeutige Funktion bzw. ein Zweck für die entstehenden Texte werden wichtig. Gerade dahingehend entwickelt sich die Literatur der Zeit hin zum Journalismus und weg von subjektiven Aspekten. Entscheidend ist nun die parallele Existenz der Literatur zu Zeitungen, Radio, Tonfilm und Fernsehen. Der wissenschaftliche Anspruch und der Fokus auf Objektivität und Informationsgehalt steigen.
  • Neben dieser Naturentfremdung durch eine objektive und sachliche Verarbeitung von Themen in der Literatur gibt es eine zweite Tendenz. Die Naturmagie und mit ihr die als Naturmagische Schule der 30er bis 50er Jahre bezeichnete Gruppe von Autoren sieht in der Natur eine Gegenwelt zu der existierenden, industrialisierten, technisierten und schnelllebigen Welt. Die gesellschaftliche Realität kann durch eine fiktive oder faktische Reise in die Natur verlassen werden.
  • Schlüsselwort in diesem Kontext ist der Eskapismus. Die als zeitlos empfundene Natur wird als Fluchtort vor den Problemen in der Stadt und dem Krieg angesehen. Die Sprache dient als Mittel, die Magie der Natur wiederherzustellen und die Natur erfahrbar zu machen. Genau diesen Gegensatz zwischen Stadt und Natur erkennst du in dem Beispielgedicht. Der Mensch kann durch die Flucht in die Natur seine Seele heilen. Die Anonymität und Monotonie der Stadt weicht einer verwandtschaftlichen, vertrauten Beziehung zwischen Natur und Mensch.

Geschichtlicher Hintergrund

  • Der Erste Weltkrieg (1914-1918) hinterließ tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft. Die enormen Verluste, die wirtschaftlichen Probleme und die politischen Turbulenzen nach dem Krieg prägten das Bewusstsein und die Kultur der Zeit. Die Verwerfungen des Krieges führten zu einem Verlust an Vertrauen in die etablierten Institutionen und Ideale.
  • Die Weimarer Republik, die nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 gegründet wurde, sah sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, darunter politische Unruhen, extremistische Bewegungen und wirtschaftliche Probleme. Diese Instabilität und Unsicherheit prägten das soziale und politische Klima der Zeit und spiegelten sich in der Literatur wider.
  • Die 1920er-Jahre waren geprägt von technologischem Fortschritt und kulturellen Umwälzungen. Der Aufstieg des Massenkonsums, die Verbreitung neuer Medien wie Radio und Film sowie die Entwicklung neuer Kunstbewegungen wie dem Expressionismus und dem Konstruktivismus beeinflussten die kulturelle Landschaft der Zeit und fanden ihren Niederschlag in der Literatur.
  • Die Autoren der Neuen Sachlichkeit strebten danach, die Realität nüchtern und ungeschönt darzustellen. Sie wandten sich gegen die idealisierten Darstellungen der Vergangenheit und gegen romantische oder expressionistische Verklärungen. Stattdessen konzentrierten sie sich auf eine präzise und sachliche Beschreibung des Alltagslebens und der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Literarische Merkmale

  • Literarische Gattungen: Der Roman war eine häufig genutzte literarische Gattung in der Neuen Sachlichkeit. Autoren wie Alfred Döblin mit Berlin Alexanderplatz oder Erich Kästner mit Fabian schufen realistische Schilderungen des urbanen Lebens. Auch Kurzgeschichten und Novellen wurden geschrieben, die oft den Alltag und die sozialen Probleme der Zeit thematisierten.
  • Themen: Alltagsrealismus, soziale Kritik und politische Satire, Technik und Industrialisierung, Medien
  • Sprache und Stil: Die Sprache der Neuen Sachlichkeit war klar, einfach und sachlich. Die Autoren vermieden übermäßige Emotionalität und Sentimentalität und strebten nach einer objektiven Darstellung der Realität. Im Gegensatz zu den experimentellen Formen des Expressionismus verzichteten die Autoren der Neuen Sachlichkeit weitgehend auf formale oder stilistische Experimente. Sie bevorzugten eine klare, gut verständliche Sprache und eine traditionelle Erzählstruktur.
  • Verwendung von dokumentarischen Techniken: Viele Autoren der Neuen Sachlichkeit verwendeten dokumentarische Techniken wie Interviews, Protokolle oder statistische Daten, um ihre Themen zu präsentieren und zu analysieren.
  • Interesse an Objektivität und Realismus: Die Autoren strebten danach, die Welt objektiv und realistisch darzustellen, ohne sie zu idealisieren oder zu verklären. Sie interessierten sich für die Wirklichkeit hinter den Oberflächenerscheinungen und für die Details des täglichen Lebens.

Naturbegriff

Naturentfremdung vs. Naturmagie

  • Zwei Tendenzen: Naturentfremdung und Naturmagie
  • Naturentfremdung: Technisierung, neue Medien und Objektivität stehen im Mittelpunkt. Die Natur ist die Kulisse.
  • Naturmagie: Natur als Gegenwelt zur Gegenwart des Weltkrieges; Natur ist eine zeitlose, heile Welt und wird poetisch verklärt. Die Sprache bildet Harmonie zwischen Mensch und Natur und Natur wird sinnlich erfahren.
  • Natur als Teil der nüchternen Realität, die analysiert und beschrieben wird
  • Naturbegriff weniger zentral im Vergleich zu anderen Themen wie Technologie, Urbanisierung und sozialen Problemen
  • Weniger Fokus auf ästhetische oder sentimentale Aspekte der Natur; Weniger romantische Verklärung, mehr pragmatische Betrachtung

Exemplarisches Gedicht der Naturlyrik

Die Wälder schweigen (1936)
Erich Kästner
1
Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
2
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
3
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
4
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
5
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.
6
Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
7
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
8
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
9
Man träumt von grünen Teichen und Forellen
10
Und möchte in die Stille zu Besuch.
11
Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
12
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
13
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
14
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
15
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.
16
Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
17
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
18
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
19
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
20
wird man gesund.

Aus: Erich Kästner: Dr. Erich Kästners lyrische Hausapotheke, 1936, Aufbau-Verlag.
  • Fazit im letzten Vers: Die seelische Gesundheit durch die Natur wird strukturell durch einen Wechsel des Metrums (5-hebiger- zu 2-hebigem-Jambus) verdeutlicht.
  • Reimschema: abaab, cdccd, efeef, ghggh (Kreuzreim mit eingeschlossenem Paarreim)

Weitere wichtige Beispieltexte der Epoche:

  • Kurt Tucholsky: Angestellte (1926)
  • Hermann Hesse: Der Steppenwolf (1927)
  • Bertolt Brecht: Dreigroschenoper (1928)
  • Thomas Mann: Mario und der Zauberer (1929)